Die jüdischen Familien in Lathen
Ulrich Hanschke
Als am 10. November 1938 die Synagoge Lathens in Flammen aufging, wußten viele Lathener Bürger noch nicht, was dieses Zeichen zu bedeuten hatte. Keiner wagte ein Wort zu sagen, geschweige denn zu protestieren, als alle jüdischen Mitbürger der Reihe nach verhaftet und deportiert wurden. Erst nach dem Krieg wurde das ganze Ausmaß der menschlichen Tragödie deutlich: Kaum ein jüdischer Mitbürger hat diese grauenvolle Zeit überlebt.
Wer waren eigentlich unsere jüdischen Mitbürger, die 1931 in der Bahnhofstraße ihr Gotteshaus errichteten?
Diese Arbeit möchte versuchen, eine Antwort darauf zu geben, gleichzeitig möchte sie auch die Namen aller sinnlos Geopferten ins Gedächtnis zurückrufen.
In der Bahnhofstraße wohnten mehrere jüdische Familien:
Auf dem Gelände des ehemaligen Gemeindebüros wohnte die Familie Isaac Schap (Schaap). Der Sohn Aron und seine Frau Anne übernahmen das elterliche Viehgeschäft. Gemeinsam mit ihren Kindern Joachim und Leonie verließen sie 1939 Lathen. Sie versuchten in den Niederlanden ihr Leben zu retten.
Bendix Schap betrieb wie sein Bruder ein Viehgeschäft. Auch er verließ mit seiner Frau Emilie und seinen Kindern Sonja, August und Fritz Lathen noch vor dem Krieg.
Die Schwestern Angelika und Henni gründeten außerhalb Lathens eine Familie. Niemand hat sich nach dem Krieg wieder gemeldet.
Gegenüber von Aron Schap wohnte die Familie Moses de Vries. Ihre Kinder Ludwig und Joseph blieben mit ihren Familien in Lathen. Joseph und seine Frau Rosette wohnten mit ihrem Sohn Karl im elterlichen Haus in der Bahnhofstraße. Ludwig lebte mit seiner Frau Hertha und seinem Sohn Leo in der Burgstraße.
Auch die Familie Salomon Jacobs verdiente sich ihren Lebensunterhalt durch den Viehhandel. Der Sohn Louis übernahm mit seiner Frau nach dem Tod des Vaters das Geschäft. Zur Familie gehörten außerdem noch seine Schwestern Netta, Elli und Erna.
In der unmittelbaren Nachbarschaft wohnte die Familie Gerson Jacobs. Sie hatte auch ein Viehgeschäft, in dem der Sohn Iwan mit seiner Frau Minna angestellt war.
Zu dieser Familie gehörten auch seine Schwestern Elise und Henriette und sein Bruder Sah.
In der Kirchstraße hatte der Viehhändler Lewi Frank ein Haus gekauft. Der Sohn Fritz übernahm mit seiner Frau das elterliche Geschäft.
In der Hauptstraße wohnte der Schlachter Jakob Frank mit seiner Frau Berta und den Kindern Max, Lissi und Joseph. Sein Bruder Gottfried erledigte für ihn die Buchführung.
In der Burgstraße lebten die drei unverheirateten Geschwister Aron, Meier und Berta Frank. Die beiden Männer arbeiteten bei ihrem Vetter Jacob Frank, Hauptstraße. Berta betätigte sich aufopferungsvoll in der Kranken- und Armenpflege.
Von diesen jüdischen Familien aus Lathen haben nur Joseph und Ludwig de Vries das KZ überlebt. Joseph Frank konnte sich noch vor dem Krieg nach Kanada retten. Ein Günther Jacobs lebt heute in Amerika. Es ist wahrscheinlich der Sohn von Iwan Jacobs aus der Bahnhofstraße.
Über das Schicksal von Meier Jacobs und seiner Schwester Rosa, über Aron Jacobs und seinen Bruder Jakob und über die Familie Moses und Rosa Jacobs mit ihren Kindern Nette und Samuel konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen.
Quellenangabe: Lathen – ein Dorf an der Ems