Die Synagoge in Lathen
Unmittelbar nach dem 9. November 1938 veranstaltete die Kreisleitung der NSDAP in allen wichtigen Orten des Kreises Parteiversammlungen. Aufbau und Inhalt dieser Veranstaltungen liefen immer nach dem gleichen Schema ab, wie in der EMS-ZEITUNG nachzulesen ist: Die jüngste deutsche Geschichte - Die Schuld der Juden - Die Leistungen des Führers. Wer eine Stellungnahme zu den Bränden, Plünderungen und Verhaftungen sucht, wird enttäuscht sein, nichts über die Zerstörungswut und die Verhaftungswelle nachlesen zu können. Zwischen den Zeilen kann man aber doch einen Hinweis und eine Warnung spüren. Die EMS-ZEITUNG zitiert den Kreisleiter: „Im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen gibt es in Lathen gewisse Elemente, die man als Judenknechte bezeichnen müsse". In Lathen hat man diesen Satz wohl verstanden, denn nur der Tierarzt Gerhard Huntemann konnte es sich erlauben, die Zerstörung der Synagoge zu kritisieren. Ganz leicht war es für die Nazis allerdings nicht, das neue Gebäude dem Erdboden gleichzumachen. Die hölzerne Inneneinrichtung verbrannte benzingetränkt sehr schnell, doch die stabilen Außenmauern konnten nur mit Hilfe eines Traktors umgerissen werden. Übrig blieb ein Steinhaufen, der die kurze Tradition der Juden in Lathen versinnbildlichte.
Nur sechs Jahre bildete der rote Klinkerbau das religiöse Zentrum der Lathener Juden. Aus Lathener Sicht war der Bau notwendig geworden, weil der alte Versammlungsraum in der Bahnhofstraße 1931 bei einem Brand zerstört worden war. Übergeordnete staatliche und religiöse Stellen sahen keine Notwendigkeit, einen Neubau zu unterstützen. Die Sögeler Synagoge hatte für alle Werlter und Lathener Juden genug Platz. Von staatlicher Seite wurde alles getan, um die Bindung an Sögel nicht zu lockern, da neben der Synagoge auch noch eine Schule mit einem Lehrer zu unterhalten war. Beide Institutionen wurden durch Abgaben aller Mitglieder finanziert, auch wenn man diese Einrichtungen nicht nutzen konnte oder wollte. Für die Lathener Juden war der Besuch der Sögeler Synagoge durch die strengen Sabbatgesetze von vornherein ausgeschlossen. Die Einstellung zur jüdischen Schule war nicht nur wegen der räumlichen Entfernung negativ, hier spielte die Qualität des Unterrichts und des Unterrichtenden eine große Rolle. Alte Visitationsberichte geben darüber erschreckende Auskunft.
Das Verhältnis der Lathener Juden zu Sögel war ambivalent, einerseits war es durch vielfache verwandtschaftliche Beziehungen geprägt - jede Familie hatte in Sögel Verwandte - andererseits gab es das bürokratische Verhältnis, das durch Geldleistungen nach Sögel gekennzeichnet war. Ein finanzieller Transfer, für den man keine Leistungen in Anspruch nehmen konnte. Einen Ausweg aus dieser Situation sahen die Lathener Juden nur in einer vollständigen Trennung von der Muttergemeinde Sögel. Gerichte und Rechtsanwälte wurden bemüht, um den Ernst dieses Vorhabens zu unterstreichen.
Der Erste Weltkrieg unterband die Auseinandersetzungen um eine gemeinsame oder getrennte Zukunft. Von den Parolen des Kaisers begeistert zogen viele junge Juden die Uniformen an, um das bedrohte Vaterland verteidigen zu können. Samuel Jacobs aus Werke hat die Stimmung und die Begeisterung für diesen Krieg in seinem Buch „Gedanken und Erinnerungen" festgehalten. Er sah in der Opferbereitschaft einen wichtigen Schritt zur Emanzipation der Juden. Daß sie nicht in der Etappe, sondern im Schützengraben gekämpft haben, zeigt die hohe Quote der Gefallenen. Auch zwei junge Lathener haben ihre Bereitschaft mit dem Tod bezahlt. Ihre Namen sind alphabetisch eingeordnet im Kriegerdenkmal festgehalten. Es mag heute normal klingen, doch damals war es ein wichtiger Schritt zur gesellschaftlichen Gleichberechtigung.
Um die religiöse Gleichberechtigung neben Katholiken und Protestanten in Lathen zu erreichen, mußten noch einige Probleme gelöst werden. Zunächst galt es, die schwierigen Beziehungen nach Sögel zu lösen, um eine selbständige Gemeinde gründen zu können. Dafür brauchte man nicht nur die Genehmigung einer kirchlichen Behörde, des Landrabbiners in Emden, auch staatliche Stellen mußten mit diesem Schritt einverstanden sein. Am 5. Oktober 1927 verfaßten Vertreter der Gemeinde daher folgendes Schreiben: „Wir heute in der der Synagoge zu Lathen versammelten und Endes unterschriebenen stimmberechtigten Mitglieder der israelitischen Gemeinde Lathen bitten ganz ergebens, eine selbständige Gemeinde bilden zu dürfen und uns von der israelitischen Gemeinde Sögel zu trennen.
Gründe: Die jüdische Gemeinde Lathen beerdigt ihre Toten schon seit über 60 Jahren auf ihrem Friedhof in Lathen, ferner besitzt dieselbe fast ebenso lange ein eigenes Betlokal. Dann ist Sögel 17 Kilometer von Lathen entfernt, sodaß ein Kirchenbesuch dorthin praktisch unmöglich ist, da wir Israeliten an Sonn- und Feiertagen nicht fahren dürfen. Den meisten Mitgliedern ist es pekuniär nicht möglich eine doppelte Belastung, entstehend: Durch Zahlung nach Sögel und die Unterhaltung der hiesigen religiösen Einrichtungen zu tragen". Unterzeichnet war das Schreiben von M. de Vries als Synagogenvorsteher und den Gemeindemitgliedern Levi Franck, Julius Franck, J. Schaap, A. Schaap, Gerson Jacobs und Luis Jacobs.
Der bürokratische Weg nach Berlin zum Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung dauerte lange, eine positive Antwort kam nicht nach Lathen zurück. Die jüdischen Familien waren zwar von dieser Absage enttäuscht, doch an Aufgabe dachten sie nicht. Sie wollten ihre Selbständigkeit und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Die Weltwirtschaftskrise hatte viele Familien in den Ruin getrieben, doch die jüdischen Familien in Lathen erstellten ohne fremde Hilfe ihr Gotteshaus. Joseph Frank aus Winnipeg hat als junger Mann dieses Gotteshaus regelmäßig besucht und beschreibt es aus seiner Erinnerung: Der rote Klinkerbau war in Ost-Westrichtung gebaut. Ein kleiner Turm zeigte zum Bahnhof, die kupferne Abdeckung krönte ein Davidstern. An jedem Sabbat versammelte sich die kleine Gemeinde. Die Frauen nahmen auf einer Empore über dem Eingang Platz, die Männer saßen in zwei Bankreihen, die auf das Rednerpult ausgerichtet waren. Hinter dem Pult stand der Schrein mit den Torarollen. Zwei hölzerne Löwen saßen davor, als ob sie das Heiligtum bewachen wollen. Ein Spiegelbild des Himmels stellte das Gewölbe dar, auf blauem Untergrund waren goldene Sterne gezeichnet. Gottfried Frank, wohnhaft in der Hauptstraße leitete die liturgischen Gebete an jedem Sabbat.
In doppelter Hinsicht war die Fertigstellung der Synagoge für die Lathener Juden wichtig. Gleichberechtigt neben Katholiken und Protestanten besaßen sie nun ein Gotteshaus. Sie glaubten auch, daß sie mit diesem Gebäude die Unabhängigkeit von der Sögeler Gemeinde erreichen könnten. Noch einmal setzten sie im März 1933 mit Hilfe eines Papenburger Rechtsanwaltes ein Genehmigungsverfahren in Gang. Doch auch dieses Unternehmen war durch die Verschiebung der politischen Machtverhältnisse zum Scheitern verurteilt. Auch ohne Selbständigkeit blieb die Synagoge bis zum 9. November 1938 religiöser Mittelpunkt der gläubigen Juden.
An diesem Tag betete die Gemeinde Sterbegebete für den schwerkranken Egon Schaap. Mitglieder der SA aus Meppen stürmten das Gotteshaus und verschütteten im Innern Benzin. Auf die anwesenden Beter wurde keine Rücksicht genommen. Nur mit Mühe konnten sie sich ins Freie retten. Hier wartete schon die Polizei, um die Männer zu verhaften. Der Gefängniskeller in Meppen war Sammellager für den Weitertransport in das KZ-Sachsenhausen.
Der 9. November ist als Zerstörungstag in die Geschichte eingegangen. Zerstört wurden neben den Gebäuden aus Stein auch die Verbindungen zu den jüdischen Mitmenschen. Deshalb zogen die jungen Familien in die Anonymität der Großstädte, Verwandte in Holland gewährten Privatasyl. Die Familien Schaap besaßen einen holländischen Paß, der ihnen den Umzug im Sommer 1939 ins Nachbarland ermöglichte. Joseph Frank bekam die Chance, in Amerika ein neues Leben beginnen zu können. Nur die älteren Mitglieder der Gemeinde lebten ohne Unterstützung und ohne Einkommen in ihren Wohnungen. Transporte in die Vernichtungslager von Auschwitz und Riga beendeten 1942 für lange Zeit das jüdische Leben in Lathen.
Ulrich Hanschke
Quellenangabe: "SYNAGOGEN UND JÜDISCHE BETHÄUSER IM EMSLAND", Landkreis Emsland, Meppen 1998