Erna de Vries

Ems-Zeitung vom 25.10.2001

„Du wirst überleben und erzählen, was mit uns geschehen ist"

Erna de Vries überlebte Auschwitz - Einzige jüdische Mitbürgerin in Lathen

Lathen (ma)

„Du wirst überleben und erzählen, was mit uns geschehen ist." Diese Worte ihrer Mutter im Konzentrationslager Auschwitz haben die heute 78-jährige Lathenerin Erna de Vries ihr Leben lang begleitet. Sie waren zugleich Aufforderung für sie, von den Gräueltaten zu berichteten. Dabei sind Triebfeder ihres Handelns niemals „Rache, Vergeltung und Abrechnung mit der Vergangenheit", sondern stets nur die „Mahnung und besonders die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft" gewesen.

Die heute 78 Jahre alte Jüdin wurde 1923 in Kaiserlautern geboren. Sie besuchte bis 1937 die Franziskanerschule, eine private katholische Mädchenschule, danach eine jüdische Sonderklasse in Kaiserslautern. Nach der Pogromnacht 1938 war jüdischen Kindern ein Schulbesuch in Kaiserslautern überhaupt nicht mehr möglich.

Im Frühjahr 1939 kam sie nach Köln und arbeitete zunächst in der Hauswirtschaft. 1941 übernahm sie dann eine Tätigkeit in der Krankenpflege. Von 1942 bis 1943 arbeitete sie in einer Eisengießerei.

Im Juli 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert. Sie wurden zusammen mit etwa 600 bis 700 weiteren Frauen selektiert im Todesblock untergebracht. Ein SS-Mann nahm Erna de Vries und ein weiteres Mädchen aus der Gruppe heraus, kurz bevor die Frauengruppe auf die bereits vorbeifahrenden Lastwagen zur Vergasung getrieben wurde. Auf diesem Weg gelangte die heutige Lathenerin nach Ravensbrück. Erna de Vries hat ihre Mutter nie wieder gesehen. Ihr blieb nur der Satz: „Du wirst überleben und erzählen, was mit uns geschehen ist."

Nach dem Krieg lernte sie im Jahr 1947 in Köln ihren späteren Ehemann Josef de Vries kennen. Sie wohnten zuerst in einem Haus an der Bahnhofstraße. 1951 baute die jüdische Familie ein Wohnhaus an der Hauptstraße. 1978 bezog sie ein neues Haus an der Großen Straße, in dem Erna de Vries bis heute lebt. Ihr Mann Josef de Vries verstarb 1981. 1931 lebten in Lathen 41 jüdische Mitbürger. Nur Josef de Vries und sein Schwager Ludwig überlebten die Nazi-Herrschaft. Heute ist Erna de Vries die einzige jüdische Mitbürgerin.

Ems-Zeitung vom 23.04.2005

Schicksalsgeschichte einer Jüdin - 60 Jahre nach Kriegsende sind die Erinnerungen an das Unfassbare immer noch zum greifen nah

„Ich war schon auf dem Weg zur Gaskammer"

Wie durch ein Wunder überlebte die Lathenerin Erna de Vries die Nazi-Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück


Von unserem Redakteur Hermann-Josef Mammes

Lathen, 22.4.

„Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat." Mit diesen Worten verabschiedete sich Ja-nette Korn 1943 von ihrer damals 19 Jahre alten Tochter Erna auf der Lagerstraße des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. „Es war einer der bittersten Momente meines Lebens", sagt die heute 82-jährige Emsländerin. Ihre Mutter sah sie nie wieder. Dass die heutige Ehrenbürgerin der Gemeinde Lathen als Jüdin die Hölle von Auschwitz überlebte, ist für sie immer noch unfassbar. Tatsächlich war ihr Todesurteil bereits gesprochen. Sie befand sich schon mit 400 weiteren Frauen auf dem Weg in die Gaskammern, doch dann kam alles anders...

Erna de Vries, wie sie heute heißt, wurde 1923 in Kaiserslautern als einziges Kind einer Unternehmerfamilie geboren. Die Mutter war Jüdin, der Vater Protestant. Er starb 1930 im Alter von 46 Jahren. „Von da an mussten wir ohne Ernährer und Beschützer auskommen", erzählt die Lathenerin.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 änderte ihr Leben komplett. Die Mutter musste die Speditionsfirma schon bald verkaufen. Erna durfte nicht mehr die städtische Schule und später auch nicht die geliebte Schule der Franziskanerinnen besuchen. Zwei ihrer jüdischen Onkel boten ihr damals an, mit nach Übersee auszuwandern. Die Verwandten schafften es tatsächlich kurze Zeit später noch rechtzeitig zu fliehen. „Meine Mutter wollte jedoch meine Großmutter nicht zurücklassen", erklärt Erna de Vries. Die Oma starb ein Jahr später.

Was nun folgte, war ein Martyrium, das mit der Reichspogromnacht am 10. November 1938 begann: „Ein ehemaliger Chauffeur unserer Spedition warnte uns bereits um sechs Uhr morgens", erzählt Erna de Vries. Die junge Jüdin arbeitete damals in einer Aussteuernäherei eines Juden. „Die Kerle standen schon vor unserer Fabrik." Alle Arbeiter mussten antreten, und dann schrien sie: „Juden raustreten!". Erna und noch sechs weitere Juden traten vor. Plötzlich packte die junge Frau die Sorge um ihre Mutter, und sie rannte einfach weg. „Wie durch ein Wunder hielt mich keiner auf", schildert sie. Zu Hause angekommen, kam sie wieder zu Sinnen. „Wir flüchteten in unserer Verzweiflung vor den grölenden braunen Horden zum Grab meines Vaters."

Eine Stunde hielten sie in der Kälte aus. Dann ging das jüdische Mädchen wie „magisch angezogen" gegen den Willen ihrer Mutter zurück zum elterlichen Haus. Die damals 15-Jährige hörte schon von Weitem das Zersplittern von Holz und Zerbersten von Fenstern. Eine Menschenmenge stand auf dem Hof und schaute zu. „Ich wollte mich gegenüber den Gaffern stark zeigen, und trotzdem liefen mir einige Tränen über die Wange", erinnert sie sich heute. Eine glühende Nationalsozialistin erkannte sie und schrie: „Schmeißt die Jüdin in den Krempel!" Doch die SS-Schergen waren vollauf mit der Zerstörung des Hauses beschäftigt.

„SS-Leute zerstörten 1938 unser Haus"

Erna holte später ihre Mutter. Die braunen Horden hatten ganze Arbeit geleistet und alle Möbel kurz und klein geschlagen. Die Bilder kann sie bis heute nicht vergessen: „Das Mittagessen hing an der Wand. Überall klebten Federn der zerfetzten Betten." Sie und ihre Mutter hatten nun die Gewissheit: „Jetzt sind wir vogelfrei." Während die Mutter innerlich schon damals zusammenbrach, war Erna de Vries „mit einem Schlag erwachsen geworden".

In dem ganzen Hass, den die Judenverfolgung des NS-Regimes propagierte und schürte, erlebte sie jedoch immer wieder Menschlichkeit und Nächstenliebe: ein zaghaftes Lächeln, ein vorsichtiges Zunicken auf der Straße oder sogar das mutige und durchaus gefährliche Handeln von Nachbarn. „An solchen kleinen Gesten habe ich mich immer wieder festgehalten", sagt die Rentnerin.

Auch am 10. November 1938 kam eine Nachbarin und brachte ihnen Essen und Koffer. Erna und ihre Mutter flüchteten zu Verwandten nach Köln. Hier arbeitete die junge Frau zuerst als Aushilfe in einem jüdischen Altersheim und dann ab 1941 als Lernschwester in einem jüdischen Krankenhaus.

Auf Befehl Adolf Hitlers und mit dem offiziellen Beschluss der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 erfolgte offiziell die systematische Ausrottung des Judentums in Vernichtungslagern. Die Nazis ermordeten insgesamt rund sechs Millionen Juden. Erna de Vries musste von nun an selbst an ihrer Schwesterntracht den Judenstern tragen. Ihre Mutter wohnte inzwischen in Kaiserslautern. „Ich lebte in der ständigen Angst, wir könnten getrennt werden", erzählt sie.

Während eines Besuchs bei der Mutter im Mai 1942 wurde das Krankenhaus in Köln geschlossen und die jüdischen Mitarbeiter in Vernichtungslager abtransportiert. Um ihren Lehrvertrag beenden zu können, bewarb sich Erna bei einem anderen jüdischen Krankenhaus in Frankfurt. Doch ihre Mutter wollte Kaiserslautern partout nicht verlassen. Später erfuhr Erna de Vries, dass auch die jüdischen Krankenschwestern und Ärzte aus Frankfurt schon wenige Wochen später deportiert worden waren.

Die 18-Jährige arbeitete nun in einer Eisengießerei ganz in der Nähe ihres Wohnhauses. „Ich hoffte immer, dass wir uns gegenseitig in der Not beistehen könnten." Dass dies ein fataler Trugschluss war, sollte sie ein Jahr später auf bitterste Weise spüren. Dabei wuchs in dieser Zeit zugleich die Hoffnung, dass der „Spuk bald ein Ende hat". Heimlich hörte sie den BBC-Nachrichtensender. Die junge Frau wusste um den Kriegsverlauf, aber auch um den Massenmord an ihrem Volk: Die Worte des BBC-Sprechers kann sie selbst nach über 60 Jahren noch auswendig aufsagen: „Heute ist ein Zug in Polen angekommen. Fünf Tage ohne Nahrung und Wasser. Viele Tote fielen aus Viehwaggons heraus. Der Rest wurde auf der Rampe erschossen."

„Ich wollte meine Mutter begleiten"

Am 6. Juli 1943 kam ein Nachbar in die Eisengießerei gerannt und hielt ihr sein Fahrrad hin: „Fahr schnell nach Hause. Sie wollen deine Mutter holen", rief er. In sachlichem Ton erklärte ihr der Gestapo-Mann, dass nur die Mutter deportiert werde. Die 19-Jährige flehte ihn an. Sie erhielt die Erlaubnis, die Mutter noch bis nach Saarbrücken zu begleiten. Schon während der Autofahrt redete Erna de Vries lange auf den Gestapo-Mann ein. In Saarbrücken, kurz vor dem Abtransport, fragte er die plötzlich: „Wollen Sie immer noch mit Ihrer Mutter ins Lager?" Sie nickte. Obwohl er wusste, dass Erna de Vries damit in den sicheren Tod fuhr, fügte er noch hinzu: „Wenn nicht, wären Sie auch eine schlechte Tochter." Er stellte ihr schließlich den Deportationsschein aus. „Ich war glücklich, meine Mutter am Boden zerstört."

Mitte Juli 1943 erreichten sie das Konzentrationslager Auschwitz in Polen. „Es war gerade Zählappell der Männer und eine sehr bedrückende Atmosphäre", schildert Erna de Vries. Sie und ihre Mutter wurden gleich ins eigentliche Vernichtungslager Birkenau mit dessen Krematorien und Gaskammern gebracht. Sie wurden geschoren und rasiert, desinfiziert und mit einem „Schwamm und einer brauen Brühe" gewaschen. Jede Frau erhielt eine Tätowierung. Bis heute symbolisiert die Nummer 50462 Ernas Schicksal.
Die junge Frau und ihre 49-jährige Mutter kamen die ersten vier Wochen in das so genannte Quarantänelager. Im Klartext: „Wir lagen vier Wochen bei brütender Hitze auf einer Wiese und bekamen als tägliche Portion ein Becherchen Wasser, ein Stück Brot und Kartoffelschalen." Dann wurden die Frauen zur Arbeit herangezogen. Den nahe gelegenen Hermannsee mussten sie von morgens bis abends vom Schilf befreien.

Abends mussten sie sich mit den nassen und verdreckten Kleidern auf die Pritschen in ihrer Baracke legen. Die Steppdecken waren mit Flöhen und Wanzen übersät. Beim Besuch der Latrinen mussten die Frauen eine Bretterbude passieren, in der die Leichen gestapelt wurden. „Wir hörten und sahen nur Ratten und wussten doch alle Bescheid", erinnert sich Erna de Vries.
An den Beinen zog sich die Jüdin eine schmerzliche Bindehautgewebe-Entzündung zu. Die Wunden eiterten immer stärker. Es gab weder Verbandszeug noch sauberes Wasser, um sie zu behandeln. „Es war ein einzige Quälerei." Dann kam der Tag der Selektion: Der ganze Block musste raustreten und mit nacktem Körper am Arzt vorbeilaufen: „Mir war klar, dass er mich in diesem Zustand auswählen würde", sagt die Lathenerin. Gemeinsam mit rund 600 anderen Frauen kam Erna de Vries im September 1943 in den Block 25 - den Todesblock. „Wir wussten, dass wir am nächsten Tag in den Tod gehen." Nachts kauerte sie auf der Erde. Auf den Pritschen war kein Platz mehr.

Am nächsten Morgen forderte die deutsche Gründlichkeit ein letztes Mal zum Zählappell auf. Die Frauen mussten sich bis auf die Schlüpfer ausziehen. Die Lastwagen fuhren bereits vor. „Es brach eine unbeschreibliche Panik aus." Die Frauen schrien durcheinander. Einige rissen sich die Haare aus, andere schlugen sich selbst. „In dem ganzen Tohuwabohu setzte ich mich auf die Erde und betete." Sie habe weder Angst noch Verzweiflung gespürt. Sie sei innerlich in dieser Hölle ganz ruhig gewesen. „Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen." Während Frauen auf ihre Hände traten, hatte Erna de Vries nur noch einen einzigen Wunsch: „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen."

Noch im Sitzen hörte sie von weitem jemand ihre Nummer rufen. Am Eingang des Todesblocks sah sie dann im dem ganzen Durcheinander einen SS-Mann mit einer Karteikarte in der Hand stehen. Sie ging zu ihm, und er verglich die Nummer mit der Tätowierung an ihrem Arm: "Du hast mehr Glück als Verstand", sagte er. Wenige Minuten später fuhren die Lastwagen mit den anderen Frauen los. Erna de Vries: „Ich konnte nicht fassen, dass ich überleben sollte." Ein Mädchen fragte sie plötzlich: „Kommst du auch nach Ravensbrück?" Die beiden jungen Frauen mussten sich aus dem Kleiderhaufen der Todeskandidatinnen etwas zum Anziehen suchen und den leeren Todesblock säubern.

Im Krankenrevier traf sie später eine verdutzte Frau aus ihrer alten Baracke wieder: „Du lebst!" Erna kritzelte schnell einige beruhigende Worte für die Mutter auf einen Zettel. Mit dem festen Vorsatz, sie noch einmal sehen zu wollen, setzte sich die 19-Jährige über alle Lagervorschriften in Auschwitz hinweg und ging schnurstracks zu ihrem Block. „Sie war glücklich, dass ich aus dem Lager rauskomme", weiß Erna de Vries. Dann verabschiedeten sie sich auf der Lagerstraße - ein Abschied für immer.
„Am 8. November 1943 erhielt ich die Nachricht, dass meine Mutter verstorben ist." Erna de Vries wurde mit 83 weiteren Frauen nach Ravensbrück (Mecklenburg-Vorpommern) deportiert. In diesem Konzentrationslager wurden von 1939 bis 1945 rund 132000 Frauen inhaftiert -93 000 von ihnen starben.

Erst 57 Jahre später erfuhr Erna de Vries von einem Historiker, dass sie den Holocaust überlebt hatte, weil man „Mischlinge" für die Kriegsmaschinerie benötigte. Der Historiker stöberte im Jahr 2000 sogar die offizielle Todesurkunde ihrer Mutter auf. Sie starb an „Herzversagen" -unterschrieben: „Mengele".

20 Monate lang blieb Erna im KZ Ravensbrück, bis es am 30. April von der Roten Armee befreit wurde. Nach dem Krieg heiratete sie Josef de Vries, der als Jude ebenfalls die KZ-Hölle überlebt hatte, und zog mit ihm drei Kinder groß. Seit 1997 erfüllt die alte Dame den Wunsch ihrer Mutter und erzählt in Schulen vom Holocaust. Sie sagt: „Oft sind die Kinder anschließend einfach sprachlos."

Berliner Zeitung vom 18.04.2005

Die Überlebenden mahnen

Jens Blankennagel

FÜRSTENBERG.

Die Frühlingssonne scheint nicht zu diesem Ort des Schreckens zu passen. Erna de Vries hält sich schützend eine Hand über die Augen. Sie schaut sich sehr genau um, sieht auf den frisch gestrichenen Eisenbahn-Waggon, der auf verrosteten Gleisen steht. "Ich erkenne nichts mehr wieder", sagt die 82-Jährige aus Lathen im Emsland. "Wir sind ja auch nachts angekommen, es war dunkel. Ich habe so viele schreckliche Erinnerungen." Der Waggon soll an all die Transporte erinnern, die zwischen 1939 und 1945 mehr als 132 000 Frauen und Kinder nach Ravensbrück in das einzige Frauen-Konzentrationslager der Nazis brachten. Erna de Vries ist an diesem Sonntagmorgen mit hunderten anderen ehemaligen KZ-Häftlingen nach Fürstenberg gekommen, um des 60. Jahrestages der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee zu gedenken.

Für Erna de Vries ist diese Stätte des Todes auch ein Ort der Rettung. 1943 war sie gemeinsam mit ihrer Mutter, einer Jüdin, nach Auschwitz deportiert worden. Ihre Mutter überlebte nicht. Sie selbst, damals 20-jährig, sei krank, arbeitsunfähig gewesen. Bereits vor der Gaskammer sitzend habe sie gebetet: "Lieber Gott, lass mich leben." Nur 15 Minuten bevor sie mit 600 anderen hätte vergast werden sollen, holte ein SS-Mann sie weg, der einen Transport mit "Mischlingen" oder "Halbjuden" nach Ravensbrück zusammenstellen sollte. "So kam ich davon", sagt die 82-Jährige. Hätte ihr Vater noch gelebt, wären sie wohl gar nicht nach Auschwitz gekommen. Ihr Vater galt als "Arier", das hätte sie geschützt, glaubt sie. Nach zwei Monaten Auschwitz und 20 Monaten Ravensbrück musste sie im Frühjahr 1945 auf einen der Todesmärsche - und überlebte.

Auf der Bühne des Festplatzes sitzen die Überlebenden - betagte Frauen, weißhaarig, gebeugt, in Häftlingsjacken, mit polnischen, israelischen, ukrainischen Fahnen, aus dutzenden Ländern. Sie haben Tränen in den Augen, als die schwermütige Musik aus dem Film "Schindlers Liste" erklingt. Es wird wohl der letzte große Gedenktag mit ihnen als Zeugen sein.
Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) verspricht den Frauen: "Ihre Schicksale sind nicht vergessen und sie werden nicht vergessen." Doch er räumt ein, dass der Rassismus und das Leugnen des Holocausts noch immer nicht aus den Köpfen der Deutschen verschwunden ist. Und er mahnt zum Kampf gegen Neonazis.

Noch deutlicher wird Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD): "Wer damals dem Nationalsozialismus widerstand, war in der Minderheit." Heute seien die Rechtsextremisten in der Minderheit. Zivilcourage im Kampf gegen sie sei nicht mehr lebensgefährlich, "sondern bestenfalls ein kleines bisschen unbequem".

Hamlaoui Mkachra, der französische Minister für Kriegsveteranen mahnt die Versammelten: "Wir sind auf dem Boden des Unglücks zusammengekommen, um künftige Generationen vor der Wiederkehr der Barbarei zu bewahren".

Stellvertretend für die Opfer der Todesmärsche aus Ravensbrück werden 45 Namen verlesen. Für jeden wird eine rote Rose in ein weißes Tuch gelegt. Fast jeder hier hat Blumen mitgebracht. Auch Anna Stepanowna aus einem Dorf bei Kiew. Sie war in der Silvesternacht 1942 nach Ravensbrück gebracht worden. Zuvor saß sie in verschiedenen Gefängnissen. Beim Einmarsch der Wehrmacht 1941 war ihre Mutter getötet worden, sie wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. "Ich schrieb in einem Brief, dass Hitler dasselbe Schicksal ereilen wird wie Napoleon", erzählt die 79-Jährige. Dafür kam sie ins KZ. Auf dem Todesmarsch wurde sie mit anderen von den SS-Leuten in einem Dorf zurückgelassen.

Ems-Zeitung vom 25.10.2001

Ehrenbürgerrechte für jüdische Mitbürgerin

78-Jährige Erna de Vries steht für Versöhnung und Aussöhnung - Bröring fordert zu "Aktzeptanz und Toleranz" auf

Lathen (ma)

Mit einer nachahmenswerten Aktion hat die Gemeinde Lathen ein Zeichen der Mahnung und Erinnerung gesetzt. Im Rahmen eines feierlichen Rahmens verlieh Bürgermeister Wolfgang Berger der einzigen jüdischen Mitbürgerin, Erna de Vries per Urkunde und Ring die Ehrenbürgerrechte der Gemeinde Lathen. Die heute 78-Jährige überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und lebt seit über 50 Jahren in Lathen.

In Anwesenheit vieler Gäste, darunter auch dem Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, Marc Stern, wies Bürgermeister Wolfgang Berger darauf hin, dass bisher nur Dr. Hermann Frerker 1991 diese Ehre zuteil wurde. Berger betonte: ,,Anhand Ihrer Biografie Frau de Vries ist erkennbar, welches unsägliche Elend und Leid, Ihnen, Ihrer Familie sowie den anderen jüdischen Mitbürgern widerfahren ist". Auch in Lathen sei die erst sechs Jahre alte Synagoge in der Reichsprogomnacht am 9. November 1938 angezündet worden. ,,Mit unvorstellbarem Hass wurde getötet, gefoltert, geraubt und zerstört", so der Ratsvorsitzende weiter. Er ergänzte: ,,Was an diesem Tag geschah, das geschah nicht im Verborgenen, das geschah vor aller Augen."

"Der Jugend eine Chance"

Dabei seien die 30 jüdischen Familien voll in die Lathener Dorfgemeinschaft integriert gewesen. So gingen jüdische Kinder seit jeher zur katholischen Volksschule und mit bischöflichen Einverständnis auch zur Mittelschule.

Trotz der schrecklichen Vergangenheit habe Erna de Vries in Lathen als jüdische Mitbürgerin einen Neuanfang gewagt. ,,Durch ihr Leben in unserer örtlichen Gemeinschaft habe Sie einen entscheidenden Beitrag zur Aussöhnung und Versöhnung geleistet", betonte Berger in seiner Laudatio. Erna de Vries habe keine Abrechnung mit der Vergangenheit verlangt, sondern durch ihren Umgang mit den Mitmenschen und besonders der Jugend, der Zukunft eine Chance gegeben.

Oberkreisdirektor Hermann Bröring forderte die Emsländer auf: ,,Die braunen Horden konsequent zu bekämpfen." Die Bürger müssten wachsam sein, um Rassismus und Antisemitismus zu begegnen. Auch im Emsland würden Friedhöfe geschändet, und gebe es leider eine ,,wachsende Fremdenfeindlichkeit". Bröring forderte ein Klima der ,,Akzeptanz und Toleranz" auch gegenüber Aussiedlern. Samtgemeindebürgermeister Josef Gieseke bescheinigte der Ehrenbürgerin, dass sie sich stets für eine ,,friedliches Miteinander" eingesetzt habe. Michael Grünberg, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Osnabrück, betitelte die Auszeichnung als ,,große Ehre für die Jüdische Gemeinde". Auf der anderen Seite sei es jedoch auch ,,eine große Auszeichnung für Lathen, dass Erna de Vries die Ehrenbürgerrechte entgegengenommen hat". Die 78-jährige selbst nahm die ,,hohe Auszeichnung" nach ihren eigenen Worten auch ,,stellvertretend für meinen verstorbenen Mann und die ermordeten Lathener Juden entgegen". Mit der Hoffnung auf Frieden in der Welt (,,Shalom") beendete sie unter stehenden Ovationen der rund 100 Gäste ihre Rede.

Lingener Tagespost vom 30.01.2003

Abschied in Auschwitz war ein Abschied für immer

Erna de Vries sprach gestern in Lingener Friedensschule

Lingen (pe)

Erna de Vries schob den linken Ärmel ihrer Kostümjacke hoch – in der Eingangshalle der Lingener Friedensschule hätte man gestern eine Stecknadel fallen hören können. Die 79-jährige Jüdin, die seit über 50 Jahren in Lathen wohnt, zeigte den jungen Leuten aus den Abgangsklassen des Schulzentrums die Nummer, die auf ihrem Unterarm tätowiert war. Auschwitz hat sich nicht nur in den Erinnerungen von Erna de Vries unauslöschlich eingebrannt.

Die Friedensschule bemüht sich seit vielen Jahren darum, den Jungen und Mädchen die jüngste deutsche Geschichte nicht nur anhand von gedruckten oder bebilderten Darstellungen näher zu bringen. Immer wieder lädt sie auch Zeitzeugen ein, die die Ereignisse nicht nur erlebt, sondern auch durchlitten haben.

Dem Vortrag von Frau de Vries und der anschließenden kurze Fragerunde mit den Schülerinnen und Schülern ging die Eröffnung einer Ausstellung im ersten Stock der Schule zum Thema „Auschwitz-Befreiungstag“ voraus. Konzipiert hat sie Paul Haverkamp, unter anderem Fachbereichsleiter für Geschichte an der Friedensschule. Die beklemmende Wirkung dieser Darstellung des Grauens in dem Vernichtungslager auf den Betrachter verstärkte sich noch durch die Anwesenheit von Erna de Vries, die selbst mit ihrer Mutter auf der Eisenbahnrampe von Auschwitz gestanden hatte.

Das Unfassbare in Worte zu fassen, gelang der Lathenerin in ruhiger, bedächtiger Art. Aufmerksam und konzentriert hörten die jungen Leute aus den neunten und zehnten Schuljahren zu, wie die 79-Jährige von ihrer Kindheit und Jugend in Kaiserslautern berichtete – und von dem drastischen Einschnitt am 9./10. November 1938. Hatten die Nürnberger Rassengesetze die Juden in Deutschland drei Jahre zuvor bereits entrechtet, so machte die Reichskristallnacht endgültig klar, was Erna de Vries und ihre Mutter – der Vater war bereits verstorben – nun zu erwarten hatten. „An diesem Tag, ich war 15 Jahre alt, wurde ich erwachsen und wusste, dass wir vogelfrei waren“, erinnerte sie sich.

Die Rentnerin beschrieb dann die Zeit von 1939 bis 1943, die sie in Köln verbrachte. Dort arbeitete sie in der Krankenpflege. Immer wieder flocht die 79-Jährige in ihrem Bericht kurze Erlebnisse mit Menschen ein, die sich zum Beispiel trauten, trotz des Druckes der Nationalsozialisten noch eine Jüdin zu grüßen. Rückrat zeigen und Ausgegrenzten helfen waren in diesen Teilen ihres Berichtes unausgesprochene Botschaften an die jungen Leute der Friedensschule.

Im Juli 1943 wurden Erna de Vries und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert. Bewegend erzählte sie von den Selektionen im Lager, von den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dann schien das Ende nahe, als Erna de Vries in den Todesblock 25 musste, gemeinsam mit Hunderten anderer Frauen.

„Am nächsten Tag sollten wir vergast werden“, erinnerte sich die Jüdin an die schreckliche Nacht, als die Insassen des Blocks in der sicheren Erwartung des Endes unter Todesängsten litten. Als alle am nächsten Tag hinaustreten mussten, setzte sich Erna de Vries auf die Erde. „Lieber Gott, ich möchte leben - aber wie du willst“, betete sie. Bis dahin sei sie nicht besonders religiös gewesen, berichtete die Lathenerin.

Sie ist davon überzeugt, dass ihr Gottvertrauen auch ihr Leben gerettet hat, denn ein SS-Mann rief plötzlich ihre Nummer. Mit 84 anderen Frauen sollte Erna de Vries in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt werden. Sie wusste, dass dies ihr Leben retten konnte, während ihre Mutter in Auschwitz bleiben würde.

„Als meine Mutter hörte, dass ich rauskam, war sie sehr glücklich“, berichtete die 79-Jährige. Die beiden verabschiedeten sich auf der Lagerstraße von Auschwitz in dem Wissen darum, dass sie sich nie wiedersehen würden. „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“, gab die Mutter ihr zum Abschied auf den Weg. Erna de Vries überlebte auch die Zeit in Ravensbrück. Das Lager wurde im April 1945 aufgelöst, rund 1000 Frauen wurden in Marsch gesetzt. „Viele kamen damals auf diesen Todesmärschen um“, beschrieb sie die letzten Tage des Martyriums bis zum Kriegsende.

Viele Fragen prasselten anschließend auf Erna de Vries nieder. Die jungen Leute fragten auch danach, ob sie Hass gegenüber all’ denen empfinde, die ihr dieses Leid angetan hatten. „Nein, auch mein Mann nicht, obwohl er sechs Jahre lang im Konzentrationslager war“, antwortete die Lathenerin. Ihr geht es, und das machte sie den Schülerinnen und Schülern mit ihren Lehrern deutlich, um zweierlei: „Ich möchte den Auftrag meiner Mutter erfüllen und junge Menschen durch meinen Bericht auffordern, wachsam zu bleiben, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen