Ein Gedenkstein

Der jüdischer Friedhof in Lathen

Im nordöstlichen Ortsteil in unmittelbarer Nähe der Bundesbahnlinie neben dem ev. Friedhof gelegen. Erhaltene Grabsteine: 12 Letzte Bestattung: 1981

Als im Jahre 1947 für die Brüder Ludwig und Josef de Vries keine Hoffnung mehr bestand, daß weitere Familienangehörige den Holocaust überlebt hatten, ließen sie zum Gedenken an die Ermordeten auf dem jüdischen Friedhof in Lathen einen Stein errichten. Er erinnert an ihre Eltern Moses und Ida de Vries, ihre Ehefrauen Rosette und Herta sowie ihre Kinder Karl und Leo.

Die Eltern der überlebenden Brüder, der aus Hären stammende Moses de Vries und Ida de Vries, geborene Jacobs, heirateten im Jahre 1902. Moses de Vries trat in das Geschäft seines im Jahre 1835 in Sögel geborenen Schwiegervaters Josef Jacobs ein, das er später übernahm. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, Ludwig de Vries, geboren 1904, und der im Jahre 1908 geborene Josef de Vries. Beide arbeiteten bereits während ihrer Schulzeit im Geschäft des Vaters mit.

Ludwig de Vries heiratete 1932 Herta Salomons aus Deutsch, ein Jahr später wurde ihr Sohn Leo geboren.

1933 heiratete Josef de Vries Rosette Jacobs aus Sögel, auch aus dieser Ehe ging ein Sohn, der 1934 geborene Karl, hervor. Die nationalsozialistische Willkür gegenüber dieser Familie begann am Hochzeitstag von Josef und Rosette de Vries. Während des Tischgebetes wurde der ältere Bruder unter dem Vorwand der Beleidigung und Beschimpfung der Reichsregierung verhaftet, nach kurzer Zeit jedoch wieder freigelassen. Am selben Tag wurde von Parteimitgliedern das Elternhaus des jungen Ehepaares mit Nazi-Parolen beschmiert; aber noch bevor die Hochzeitsfeier beendet war, hatte ein Lathener Malermeister die Nazi-Parolen übertüncht - eine damals nicht ungefährliche Tat. Wegen der Boykottmaßnahmen mußte das Viehgeschäft zwei Jahre später aufgegeben werden, wodurch die Familie auch räumlich getrennt wurde.

Ludwig de Vries zog mit seiner Familie nach Berlin. Josef und Rosette de Vries arbeiteten zeitweilig bei einer jüdischen Familie in Aachen, kehrten jedoch noch einmal zu ihrem Kind und dessen Großeltern nach Lathen zurück, wo Josef als Handlanger bei einer Baufirma Arbeit fand. Aufgrund einer Denunziation wurde er am 5. Oktober 1939 , dem 5. Geburtstag seines Sohnes, verhaftet und in das KZ Sachsenhausen deportiert. Er sollte seine Familie nicht mehr wiedersehen. Seine Frau Rosette versuchte zunächst, in Hannover eine Verdienstmöglichkeit zu finden, kehrte aber wegen völliger Mittellosigkeit mit ihrem Sohn nach Sögel zu ihrer Mutter zurück. Alle drei wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.

Die Großeltern Moses und Ida de Vries wurden im selben Jahr zunächst nach Theresienstadt verschleppt, am Jom Kippur 1942 schließlich ebenfalls nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

1942 wurde ebenso Ludwig mit seiner Familie von Berlin nach Auschwitz deportiert. Während er in das Arbeitslager kam, gingen seine Frau und der Sohn den Weg von der Rampe in die Gaskammer.

Ende 1944 traf Josef de Vries, der von Sachsenhausen über Neuengamme nach Auschwitz gekommen war, hier seinen völlig entkräfteten Bruder. Als im Februar 1945 das Lager wegen des Vorrückens der Roten Armee aufgelöst wurde und die Insassen in offenen Viehwagen nach Westen transportiert wurden, gehörten sie zu den wenigen, die in Pilsen lebend ankamen. Trotz schwerer Bewachung gelang es hier Josef de Vries zu fliehen und sich bis zum Eintreffen amerikanischer Truppen zu verstecken. Sein Bruder wurde nach Österreich verschleppt, wo er nach der Befreiung trotz eines Herzleidens, das er sich im Lager zugezogen hatte, genas. Beide Brüder gründeten nach dem Krieg wieder Familien, ihre Kinder leben heute in Deutschland und Israel. Ludwig de Vries starb im Jahre 1954, der nach Lathen zurückgekehrte Josef de Vries 1981.

Hier lebt noch heute seine Frau Erna de Vries als einzige jüdische Mitbürgerin Lathens.

Zusammengestellt nach einem Bericht von Frau Erna de Vries, Lathen.

Quellenangabe: Jüdische Friedhöfe im Emsland (2.neubearbeitete und erweiterte Auflage, Meppen 1991)