Eindrücke von Heinz Schmees Sögel

Die Kriegshandlungen in Sögel am 8./ 9. und 10 April 1945

Diese Schilderung soll meine eigenen Eindrücke der Kriegstage in Sögel wiedergeben.

Zunächst muß ich einmal feststellen, daß ich diese Kampftage als zehnjähriger Junge erlebt habe, und damit diese Schilderung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.

Die Kriegsjahre selbst haben auf dem Hümmling keine gravierenden Spuren hinterlassen, von Kampfhandlungen, Truppenbewegungen usw. hörte man nur aus dem Radio. Ich kann mich noch gut erinnern, daß wir als Kinder den feindlichen Fliegerverbänden neugierig nachschauten, wenn sie wie kleine Silbervögel am blauen Himmel über uns hinwegdonnerten. Der Lärm der Motoren war immer relativ groß, da sie meist in größeren Verbänden flogen. Große Aufregung herrschte im Ort, als eines Tages im Jahre 1944 ein brennendes Flugzeug in der Nähe des Bauern Friedhelm Kotte, Hohenheide, niederging. Die beiden Insassen der Maschine - es waren Engländer - konnten sich mit einem Fallschirm retten und wurden anschließend zum Gerichtsgefängnis abgeführt. Das Flugzeugwrack lag dort noch mehrere Tage und wurde auch von uns Kindern besichtigt. Ansonsten merkten wir nichts von dem Krieg bis zum 8. April 1945.
Wie ich in den letzten Jahren erfahren habe, sind in unserer unmittelbaren Umgebung mehrere Flugzeuge abgestürzt. Ich kann mich jedoch daran nicht erinnern.

Schon Tage vor dem 8. April 1945 bemerkten wir große Truppenbewegungen in der Nähe unsere Dorfes. Viele Einheiten marschierten auch durch unseren Ort Sögel, denen wir als Kinder begeistert zuschauten. Auch in der unmittelbaren Nähe der Schloßanlagen Clemenswerth lagerten viele Soldaten, die wir natürlich neugierig besuchten.

Der 8. April 1945 war ein Sonntag - Weißer Sonntag -, an dem mein Bruder Theo zur ersten heiligen Kommunion ging. Die Feier in der Kirche war sehr schön und auch zu Hause hatte meine Mutter den Tag gemütlich zu gestalten versucht. Aber es herrschte eine drückende Stimmung, das merkten wir Kinder ganz deutlich. Der Grund war - wie meine Mutter uns später auch bestätigte - die Tatsache, daß mein Vater an der Front stand, und meine Mutter lange Zeit keine Nachricht mehr erhalten hatte. Meine Mutter hatte auch einige Gäste aus dem engsten Familienkreis eingeladen, an die ich mich jedoch nicht mehr erinnern kann. Zwei Personen sind mir im Gedächtnis geblieben (Tante Gerta Schmees und Maria Sonnenberg geb. Reiners), auf die ich später noch zurückkommen werde. Um 18 Uhr sollte die Dankandacht der Kommunionkinder sein. Wir machten uns rechtzeitig auf den Weg, um an dieser Andacht teilzunehmen. Schon auf dem Weg zur Kirche hörten wir Flugzeugmotorenlärm, der uns jedoch nicht näher berührte, da dies zum täglichen Leben der letzten Kriegsjahre gehörte. Als wir jedoch kurz vor der Kirche angekommen waren, fielen die ersten Bomben auf unseren Ort. Wir rannten fluchtartig mit vielen anderen Gottesdienstbesuchern in die Kirche. Hier wies man uns in den Heizungskeller, um dort notdürftig Schutz zu finden. Pfarrer Wolters erteilte uns allen die Generalabsolution. Auch als wir im Keller waren, hörten wir noch verschiedene Detonationen in unmittelbarer Nähe. Wie lange wir im Keller waren, kann ich nicht mehr genau sagen. Es wird wohl eine halbe Stunde gewesen sein. Als wir dann wieder draußen waren, bemerkten wir sofort, daß die Bomben wohl einen Teil unseres Ortes getroffen hatten, denn es stand Rauch in der Luft, und es roch nach Brand. Doch auf dem Heimweg merkten wir noch nichts von dem Schaden, den die feindlichen Flieger kurz zuvor im südlichen Teil unseres Dorfes angerichtet hatten. Als wir zu Hause angekommen waren, bemerkte meine Mutter mit Erleichterung, daß unserem Gebäude nicht viel passiert war. Es waren wohl durch einige Druckwellen Fensterscheiben zu Bruch gegangen, aber ansonsten hatte unser Haus keinen Schaden erlitten.

Während des Krieges war es allen Familien zur Auflage gemacht worden, einen kleinen Erdbunker auszuheben. So hatten es auch wir gemacht. Es war aber nur ein kleines Erdloch, das wir Kinder gebuddelt hatten. Tante Gerta Schmees und Maria Heiners waren während der Dankandacht zu Hause geblieben, um das Abendbrot vorzubereiten. Als nun die Bomben fielen, suchten sie sofort Deckung. Maria Reiners kroch unter das Sofa, während Tante Gerta draußen im Erdbunker Zuflucht suchte. Tante Gerta hatte das Richtige getan, sie hatte das Haus verlassen, um sich draußen Schutz zu suchen. Wenn nämlich das Haus getroffen worden warte, hätte ihr auch kein Sofa Schutz bieten können. Ich will jedoch erwähnen, daß Tante Gerta gebürtig aus Oberhausen kam und während der Kriegsjahre dort schon mehrere Bombenangriffe erlebt hatte. Sie wußte aus Erfahrung, daß sie so richtig handeln würde.

Mittlerweile hatte meine Mutter mit der Familie Kohoff, die bei uns zur Miete wohnte, ein ernstes Gespräch aufgenommen. Was da im einzelnen verhandelt wurde, haben wir als Kinder nicht mitbekommen. Daß da etwas passiert war, hatten auch wir wahrgenommen. Das ganze Ausmaß der Bombardierung entzog sich vorläufig aber unserer Kenntnis. Ich bin sicher, daß auch die Erwachsenen in diesem Augenblick nichts Genaues wußten.

Die Unterredung der erwachsenen Personen mußte» jedoch zu einem Ergebnis geführt haben, denn meine Mutter begann eifrig, einige unentbehrliche Sachen zusammenzupacken und auf einen Handwagen zu legen. Sie erklärte uns dann, daß wir alle zu ihrem Bruder Hans zum Sudend wollten. Wo die Familie Kohoff geblieben ist, kann ich nicht sagen. Es kann auch sein, daß sie im Hause geblieben ist.

Auf dem Weg zu Hans Schulte müssen wir wohl das ganze Ausmaß der Bombardierung erlebt haben, denn vor allem der südliche Teil wurde getroffen. Ich kann mich jedoch nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Als wir nun am Elternhaus meiner Mutter angekommen waren, stand ihr Bruder schon bereit, um mit seiner Familie, den Nachbarn und uns den Ort zu verlassen. Er wollte mit uns in ein Waldstück südlich von Sögel ziehen, um dort die weitere Entwicklung abzuwarten. Aus diesem Grunde hatte er einen Ackerwagen mit Proviant und den unentbehrlichen Sachen beladen, und so konnte der Marsch in die Natur beginnen.

Es war schon dunkel, als wir die bestimmte Stelle im Wald erreichten. Mein Onkel mußte schon wohl vorgesorgt haben. Vielleicht hatte er die Entwicklung der Kriegstage in Sögel geahnt. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hatte er große Erdlöcher ausgehoben und mit Sträucher und Reisig überdeckt. Das Innere dieser "Höhlen" hatte er mit Stroh ausgestattet, auf dem wir die Nacht verbringen sollten. Ich muß gestehen, uns Kindern hat das einen Riesenspaß gemacht. Man muß uns zugute halten, daß wir die Tragweite dieser Schreckenstage in dem Alter (ich war zehn Jahre alt) gar nicht ermessen konnten. Wie schon gesagt, verbrachten wir die Nacht in diesen Erdlöchern. Am anderen Morgen waren wir alle zeitig wach, und die Frauen begannen sofort damit, für die hungrige Schar ein Frühstück zu bereiten. Auch hier hatte mein Onkel Hans wieder einmal vorgesorgt. Er hatte in einer nahe gelegenen Weide seine Kühe postiert, die uns frische Milch lieferten. Die Männer indes hatten ein kleines "Lagerfeuer" entfacht, auf dem dann eine Art Pudding gekocht wurde. Diese Mahlzeit schmeckte uns allen vorzüglich.

Der weitere Vormittag sollte jedoch nicht so ruhig verlaufen. So etwa gegen 10 Uhr hörte man Geschütz- und Maschinengewehrfeuer, zunächst aus einer weiteren Entfernung, dann kam es immer näher. Wir Kinder konnten die besorgten Gesichter der Erwachsenen nicht verstehen. Erst Jahre später wurde uns das ganze Ausmaß der Kriegshandlungen so recht bewußt. Diese Schießerei zog sich über den ganzen Tag hin bis zum Abend. Es wollte einfach nicht verstummen. Trotzdem faßte meine Mutter den Entschluß, mit uns Kindern den Heimweg anzutreten. Wie sie uns später erklärte, habe sie das aus gutem Grund getan, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen und das Vieh zu füttern. Das war ganz schön riskant, wie ich jetzt feststellen muß.

Als wir uns dem Dorf näherten, bellte immer noch Maschinengewehrfeuer auf. Aber meine Mutter ließ sich nicht beirren und strebte mit ihrem Handwagen der heimatlichen Wohnung zu. Je näher wir dem Zentrum des Ortes kamen, je umfangreicher wurde der Verkehr der alliierten Militärfahrzeuge. Stellenweise standen diese Fahrzeuge in langen Reihen an den Straßenrändern, andere bewegten sich im Schritttempo einem bestimmten Ziel zu. Überall standen die Kanadier mit ihren Handfeuerwaffen herum. Durch dieses Gewirr von Kriegswaffen bahnte sich meine Mutter mit uns Kindern den Weg.

Auf unserem weiteren Gang durch das Dorf sahen wir keine weiteren Schäden - abgesehen von den Verwüstungen vom Tage zuvor durch die Bombardierung. Auf der Hauptstraße -gegenüber dem Hause des Bauern Wilhelm Tholen - hatte sich ein Panzer überschlagen. Wie ich später erfahren habe, war dieses Kettenfahrzeug von einer Panzerfaust getroffen worden. Auch der jetzige Schückingweg - früher ein einfacher Sandweg - stand voller Militärfahrzeuge, die sich ab und zu im Schritttempo fortbewegten. Wie wir später von unserem Haus aus feststellen konnten, hatten die Kanadier in der Weide des Bauern Hermann Möhlenkamp - jetzt Amtsvogtsweg - ein Lager aufgeschlagen. Es wurden Zelte aufgebaut und das Militärgerät abgestellt.

An dieser Militärkolonne vorbei suchten wir unseren Weg. Als wir in der Nähe unseres Hauses angekommen waren, machten die feindlichen Soldaten bereitwillig Platz, damit wir mit unserem Handwagen den Weg überqueren konnten. Meine Mutter durchsuchte zunächst die ganzen Zimmer, um festzustellen, ob eventuell auch etwas gestohlen sei. Wie ich mich erinnern kann, waren keine Wertsachen abhanden gekommen. Auch das Vieh in den Stallungen war wohlbehalten und verhielt sich nach der Fütterung ganz normal.

Die Nacht verlief ganz normal und wir fielen alle in einen tiefen Schlaf. Am frühen Morgen jedoch sorgte heftiges Gewehrfeuer von allen Seiten für große Aufregung. Keiner wußte, was los war. Alle hatten in unserer Küche Zuflucht gesucht, da dieser Raum mitten im Haus lag.

Durch die großen Küchenfenster konnten wir verfolgen, wie auf dem Ackergrundstück von Willi Westermann mehrere Panzer auffuhren und in Stellung gingen. Ob sie auch geschossen haben, konnte ich nicht sehen. Die Schießerei insgesamt dauerte den ganzen Vormittag. Am frühen Nachmittag jedoch drangen Kanadier in unser Haus ein und machten uns begreiflich, daß wir dies zu verlassen hätten. Wir reagierten sofort und begaben uns vor die Haustür. Dort konnte man die Kriegshandlungen erst so recht begreifen, denn mehrere Häuser am Schückingweg standen in Flammen. Es waren die Häuser Aschemann, Villa Schlicht, Villa Weber (jetzt Gemeindeverwaltung) und das Haus Stevens an der Sigiltrastraße. An diesen Verwüstungen und aufgeregten Militärs vorbei lotste man uns zur Kirche. Dabei konnten wir immer wieder Verwüstungen feststellen, die ich im einzelnen nicht behalten habe. Eines steht mir heute jedoch noch klar vor Augen: der Saal des Gastwirts Bernhard Jansen. Die große Saaltür war weit geöffnet und allerlei Inventar nach draußen geschleppt worden. An besonderer Stelle war ein großes Hitlerbild postiert, das von vielen Kugeln durchsiebt war. Auf dem weiteren Weg zur Kirche mußten wir feststellen, daß auch die Küsterei ein Raub der Flammen geworden war; für uns umso schmerzlicher, weil wir in diesem Haus immer Oma Schmees besucht hatten. In der Kirche, die sich sehr schnell mit den zusammengetriebenen Menschen aus dem Nordend füllte, erwarteten uns Pfarrer Wolters und Kaplan Gronemeyer und wiesen uns Plätze an. Es waren alte Leute, Kinder, Erwachsene und Mütter mit Kleinkindern. Ich kann mich noch an einen Fall genau erinnern. In einer Bank hinter uns saß Frau Jansen mit ihrem Kind Monika. Es war gerade acht Tage alt. Die Mutter versuchte immer wieder, das verzweifelt schreiende Kind zu beruhigen.

Im Laufe des Tages bemühten sich die beiden Geistlichen, die Anwesenden wenigstens notdürftig mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dabei wurde an der Kommunionbank immer wieder Milch verteilt. Woher diese beiden die Milch und die Brotrationen bekamen, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe wohl bemerkt, daß Kaplan Gronemeyer öfters die Kirche in Richtung Sakristei verließ und nach einer gewissen Zeit mit Broten zurückkam. Am Abend dann durften wir alle wieder die Kirche verlassen. Die Kämpfe in den Straßen waren abgeflaut, und wir konnten ungehindert das Haus erreichen.

Vor allem in kanadischen Zeitungen wurden Bilder gezeigt, wie die Zivilbevölkerung vor der Kirche kniet. Auch meine Mutter hat das immer wieder bestätigt. Da ich jedoch die Kriegserlebnisse so niederschreibe, wie ich sie erlebt habe, kann ich diese Begebenheit nicht wiedergeben, da ich an dieser Tatsache überhaupt keine Erinnerung habe. Die Schilderung des Ablaufes vor der Kirche entspricht jedoch den Tatsachen, wie es an vielen Stellen historisch festgehalten ist.

Wenn ich hier erwähnt habe, daß die Kirche von Zivilisten überfüllt war, so muß ich auch noch kurz schildern, daß draußen neben dem Pfarrheim ein Gefangenenlager eingerichtet worden war. Hier hatte man nicht nur Soldaten, sondern auch viele männliche Personen aus der Zivilbevölkerung zusammengetrieben. Sie lagerten dort unter freiem Himmel. Was dann weiter mit den Personen geschehen ist, habe ich nicht weiter verfolgen können. Der Abend und die Nacht im Hause verliefen relativ ruhig. Jedenfalls sind mir keine besonderen Vorkommnisse bekannt, die sich in meinem Gedächtnis eingeprägt haben. Wir waren nicht allein zu Hause, auch die Familie Kohoff hatte sich wieder eingefunden. Am zeitigen Vormittag jedoch kam plötzlich Bewegung in die bis dahin ruhigen Stellungen hinter unserem Garten. Die Soldaten kamen aus ihren Gräben und bestiegen in großer Eile die bereitstehenden Panzer und fuhren ab. Für uns Kinder war das ein aufregendes Schauspiel, dem wir durch das Küchenfenster interessiert zuschauten. Meine Mutter schaute indes immer wieder besorgt nach draußen, denn die Villa Schlicht brannte immer noch lichterloh, während die eben erwähnten anderen Gebäude völlig niedergebrannt waren. Daß das Haus Schlicht so lange brannte, hatte seinen Grund vielleicht darin, daß der Keller bis zum Rande mit Koks gefüllt war.

Von einer Minute auf die andere störte ein gewaltiger Explosionsknall die vormittägliche Stille. Keiner wußte so recht, was geschehen war. Schon nach kurzer Zeit waren auch vor unserem Haus mehrere männliche Stimmen zu vernehmen. Als wir daraufhin durch das Schlafzimmerfenster schauten, sahen wir mehrere kanadische Soldaten, die mit einem weißen Band hantierten. Bald darauf drangen zwei dieser Soldaten in unser Haus ein und deponierten irgendetwas in der Küche und im Keller. Keiner von uns wußte, was es war. Später erfuhren wir dann, daß es sich um Sprengladungen handelte. Weil es meiner Mutter nicht mehr geheuer vorkam, wollte sie mit uns durch die Haustür ins Freie. Doch dies wurde von den Kanadiern verwehrt. Daraufhin versuchte es meine Mutter durch die Hintertür,. Dort hatten wir Erfolg. Wir liefen dann - so schnell wir nur konnten - durch den Garten in die jetzige Weide. Diese war früher Ackerland. Es war gerade noch zur rechten Zeit geschehen, denn als wir am Ende des Ackerlandes angekommen waren, gab es wiederum einen fürchterlichen Knall, und unser Haus flog in die Luft. Von der Druckwelle wurden wir sogar zu Boden geschleudert. Wir rappelten uns wieder hoch und traten die Flucht zum Sudend an. Dort mußten wir feststellen, daß Hans Schulte mit seiner Familie schon das Haus verlassen hatte. Meine Mutter versuchte es daraufhin bei der Familie Reiners (Frau Reiners war eine Schwester meiner Mutter), die nur wenig entfernt wohnten. Hier hatten wir Glück, sie waren noch da, standen aber schon abmarschbereit. Weil zu diesem Zeitpunkt niemand wußte, wie weit sich die Zerstörung der Häuser erstrecken würde, flüchteten die einzelnen Familien wieder in die Wälder. So ging es nun wieder mit Sack und Pack in die schützenden Wälder des Sudends. Die Unterkünfte waren ja noch vorhanden, und das "Zigeunerleben" konnte wieder beginnen. Für uns Kinder war das nicht einmal eine schlechte Zeit, denn wir konnten das Ausmaß der Katastrophe noch nicht erfassen und spielten dort im Wald nach Herzenslust. Zwei Tage blieben wir an diesem Ort. Die Erwachsenen waren voller Sorge, das sah man an ihren ernsten Gesichtern. Wir Kinder konnten das gar nicht begreifen, da es hier doch so schön war.

Doch dann wurden die Pferde wieder angeschirrt, und wir traten den Heimweg an. Als wir am Hause Reiners angekommen waren, stand das Anwesen noch unversehrt da. Hier war nichts passiert. Doch wie würde es bei uns im Mordend aussehen? Da wir in der Nachbarschaft von Reiners auch keine nähere Auskunft erhalten konnten, beschloß meine Mutter, zusammen mit ihrem Schwager Wilhelm Reiners, unser Grundstück aufzusuchen und nach dem Rechten zu sehen. Nach einer gewissen Zeit kamen sie mit sorgenvollen Minen wieder. Sie erzählten dann, daß die Häuser des gesamten Nordendes bis hin zur Kirche gesprengt seien. Das Ganze sei ein Bild der Verwüstung. Wo sollten wir nur für die nächste Zeit unterkommen? Wir standen obdachlos da. Doch da wurde nicht lange überlegt. Die Familie Reiners nahm uns, trotz ihrer eigenen großen Familie, sofort auf. Die Betten und Sofas wurden zusammengerückt, so daß jeder wenigstens erst notdürftig seine Schlafstatt hatte. An Nahrung fehlte es ja nicht, da die Familie Reiners als Landwirt Selbstversorger war. Inzwischen war meine Mutter schon mehrfach zu den Trümmern unseres Hauses gegangen, um dort nach Gegenständen zu suchen, die noch brauchbar waren. Viel war es allerdings nicht, denn das Sprengkommando hatte ganze Arbeit geleistet. Als die Lage sich in den nächsten Tagen im Ort mehr und mehr stabilisierte, nahm meine Mutter auch uns Kinder mit. Wir kannten den Ort kaum wieder. Das Wohnhaus bestand nur noch aus Trümmern. Doch das Stallgebäude, das etwas abseits vom Wohnhaus gelegen war, stand noch fast unversehrt, nicht einmal das Vieh hatte Verletzungen davongetragen. Meine Mutter hatte zunächst genug zu tun, um das Vieh täglich zu versorgen. Es bleibt hervorzuheben, daß im Jahr 1945 das Frühjahr besonders mild war, und das Rindvieh um diese Zeit schon auf die Weide hinausgetrieben werden konnte. Somit blieben nur noch die Schweine zu versorgen.

Inzwischen hatten wir Kinder sehr viel Spaß daran gefunden, in den Trümmern herumzubuddeln, ob noch etwas Brauchbares zutage gefördert werden könnte. Es war eigenartig, hin und wieder wurden noch Kleidungsstücke oder sonstige Gegenstände gefunden, die fast unversehrt geblieben waren. Diese wurden dann sorgfältig gesammelt, da wir ja nicht einmal das Notwendigste retten konnten, und uns so jedes Kleidungsstück gerade recht kam. Die Not in dieser Zeit war groß.

Die Monate gingen dahin, der Sommer kam ins Land, und wir wohnten immer noch bei der Familie Heiners auf engstem Raum. Eines Tages, es war etwa um die Mittagszeit überflog ein einzelnes Flugzeug unseren Ort. Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall, der uns alle mit großem Schrecken erfüllte. Sollte die Schießerei und die Vernichtung von neuem losgehen? Die Waffen schwiegen doch schon seit Monaten. Doch es blieb bei dieser einzelnen Detonation. In kurzer Zeit stellten wir fest, daß in unmittelbarer Nähe eine Bombe explodiert war, sie hatte das Haus Schnur getroffen. Dieser Bombenabwurf hatte drei Tote gefordert. Es waren Evakuierte aus Köln, die die Oberwohnung bewohnten. Die Familie Schnur trug nur leichte Verletzungen davon. Wie war es jedoch zu diesem Abwurf gekommen? Es kursierten sofort viele Gerüchte, die aber nie bestätigt werden konnten. Am wahrscheinlichsten wird jedoch die Auslegung sein, daß diese Bombe aus Versehen ausgeklinkt worden ist. Dabei hätte noch größerer Schaden entstehen können, denn in unmittelbarer Nähe der Abwurfstelle, im Ludmillenhof, waren alliierte Besatzungssoldaten untergebracht. Meine Mutter kam immer mehr zu der Erkenntnis, daß wir uns eine eigene Unterkunft suchen mußten, da die Wohnverhältnisse bei der Familie Reiners einfach zu beengt waren. Doch wo sollte man unterkommen? Wer hatte noch Platz bei so vielen zerstörten Häusern? Doch eines Tages bot sich die Gelegenheit. Eines der Mietshäuser des Bauern Wilhelm Tholen war nur wenig beschädigt. Nach den Aufräumungsarbeiten konnten wir hier wohnen. Wenn ich hier von Aufräumungsarbeiten schreibe, so war dies doch nicht so einfach. Durch die gewaltigen Erschütterungen hatte sich der Putz von der Decke gelöst, und das Dach wies stellenweise große Löcher auf. Für einen geübten Handwerker war das nichts Besonderes, doch für uns bedeutete das eine Schufterei, da wir Kinder aufgrund unseres Alters noch nicht so recht helfen konnten, und die Hauptarbeit meiner Mutter zufiel. Doch nach einigen Wochen konnten wir hier einziehen, natürlich nur mit dem notwendigsten Hausrat versehen, das wir von Verwandten bekommen hatten. Aber ich glaube, meine Mutter war glücklich, daß sie wieder einen eigenen Hausstand besaß. Von dieser Wohnung aus konnten wir täglich unser Grundstück aufsuchen. Es gab allerhand zu tun. Zunächst mußte - wie schon gesagt - das Vieh in den Stallungen versorgt werden. Das war sehr wichtig, denn das Vieh lieferte vor allen Dingen in dieser Zeit den Lebensunterhalt. Aber das war nicht die einzige Tätigkeit, die wir am Trümmerfeld ausüben konnten. Meine Mutter hatte es sich in den Kopf gesetzt, aus den Trümmern des gesprengten Hauses wieder ein Behelfsheim zu errichten. Das war nicht einfach, das war auch ihr klar. Um aber diesen Plan verwirklichen zu können, begann sie schon früh mit den Aufräumungsarbeiten, bei denen wir Kinder auch kräftig mit zupacken mußten. Für uns fiel die eintönige Arbeit des "Steinklopfens " an. Wir mußten die einzelnen Steine vom Mörtel säubern, damit sie später wieder Verwendung finden konnten. Tag für Tag saßen wir auf dem Trümmerfeld und nahmen uns die einzelnen Steine vor, so daß bald eine große Menge der gereinigten Steine vorhanden war. Doch eines Tages herrschte große Aufregung, als wir feststellten, daß die Besatzungssoldaten damit begonnen hatten, von den einzelnen Trümmerfeldern der zerstörten Häuser die brauchbaren Steine abzufahren. Sie befestigten damit die Alleewege vor und hinter der Schloßanlage, um sie mit ihren schweren Fahrzeugen befahren zu können. Doch das sahen die Sögeler Bürger nicht gern, denn viele hatten geplant wie wir: sie wollten sich aus den Trümmerresten vorerst kleine Behelfsheime errichten; da wurde jeder Stein benötigt. Doch die Soldaten ließen sich davon nicht beirren. Doch zum Glück wurde unser Grundstück von der Maßnahme nicht betroffen, und unsere Steine waren gerettet.

Das Leben in Sögel normalisierte sich so langsam wieder, so weit man das unter dem soeben Geschilderten überhaupt so nennen kann. Aber die Besatzungssoldaten waren allgegenwärtig. Sie hatten sich in mehreren größeren Gebäuden des Dorfes einquartiert, so z.B. im Hotel Temmen, im Ludmillenhof usw. Die Kommandantur war im Hause Ahrens, Amtsstraßee, untergebracht. Einige Zeit waren auch polnische Soldaten als Besatzung eingeteilt. Diese waren in Sögel nicht so beliebt, da sie bei jeder Gelegenheit einen gewissen Haß gegen die Deutschen entwickelten. Ansonsten kann sich die Dorfbevölkerung über die Handlungsweisen der Siegermächte nicht beklagen. Ich will an dieser Stelle auch noch kurz erwähnen, daß unmittelbar nach dem Krieg die ganze Ortschaft Spahn von den Einwohnern geräumt werden mußte. Das Dorf wurde von Polen besetzt, die dort ganze Familien untergebracht hatten. Sie waren in der näheren Umgebung nicht so beliebt, da sie viele Raubzüge unternahmen (auch in die Nachbardörfer), um sich das zu holen, was sie brauchten. So hatten sie auch einmal unseren Schweinestall aufgesucht und das beste Schwein geraubt. Geschlachtet hatten sie es an Ort und Stelle. Wir konnten nichts dagegen unternehmen, da sie wild mit ihren Schußwaffen herumhantierten. Die Polen haben auch viele Häuser Spahns arg demoliert, indem sie z.B. den verlegten Holzfußboden kurzerhand als Brennmaterial benutzten. Durch diese und andere Untaten haben sie großen Schaden angerichtet. Nach einiger Zeit jedoch wurden die polnischen Familien abgezogen, und die Spahner Bevölkerung konnte wieder auf ihren Besitz zurückkehren.

Inzwischen waren zwei Jahre verstrichen. Meine Mutter hatte die Zeit genutzt, um ihren Plan von einem eigenen Häuschen immer mehr zu verwirklichen. Doch das war schwer. Außer den eigenen Trümmerresten gab es so gut wie kein Material. Ebenfalls waren keine einschlägigen Handwerker zu bekommen, da sie fast alle noch in der Gefangenschaft waren. Mutters Schwager, Wilhelm Heiners, hatte mittlerweile eine Lehmkuhle entdeckt, die so viel hergab, um unseren Bedarf zu decken. Uns allen war ja klar, daß in dieser Zeit Kalk und Zement nicht zu haben war. Da besann man sich wieder auf den Lehm als Mörtel, der von unseren Vorfahren immer genutzt wurde. Wilhelm Heiners begann in mühseliger Arbeit, dieses Bindemittel zu graben und auf unser Grundstück zu schaffen. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn der Lehm läßt sich oftmals nur mit der Spitzhacke lösen.

Der Gastwirt Bernhard Jansen, der auch Bauunternehmer war, konnte im Sommer aus der Gefangenschaft in die Heimat zurückkehren. Meine Mutter trat sofort mit der Bitte an ihn heran, doch für sie das Haus zu errichten. Er sagte zu und bald darauf konnte mit dem Bau begonnen werden. Sein Sohn Ludwig wollte ebenfalls Maurer werden und begann an unserem Haus seine Lehre. ALs Handlanger fungierte bei uns Theo Niehe, der uns von der Gemeindeverwaltung zugeteilt war. So machte die Erstellung des Baues große Fortschritte, da auch wir - so gut es ging -mithelfen mußten. Doch die anfängliche Euphorie wich schnell der Erkenntnis, daß anstelle fachmännischer Arbeit viel improvisiert werden mußte. Da war Ideenreichtum gefragt. Aber trotz aller Hindernisse war das Häuschen im Herbst einzugsbereit. Meine Mutter war sehr stolz, daß sie wieder in ihren eigenen vier Wänden wohnen durfte. Wenn dieses Haus zunächst als Provisorium gedacht war - denn später sollte an alter Stelle wieder ein normales Haus stehen - so konnte man damals noch nicht ahnen, daß das erst im Jahre 1961 der Fall sein sollte.

Ein weiterer schwerer Schlag für meine Mutter war die Ungewißheit über den Verbleib ihres Mannes. Der Krieg war nun schon über zwei Jahre zu Ende, und es war bis zu diesem Zeitpunkt kein Lebenszeichen von meinem Vater eingetroffen. Meine Mutter wurde immer sehr traurig, wenn Sögeler Einwohner aus der Gefangenschaft heimkehrten; nicht etwa, weil sie es ihnen nicht gönnte, sondern weil mein Vater nicht dabei war. Von Jahr zu Jahr wurde es immer mehr zur Gewißheit, daß er wohl nicht heimkehren würde, bis im Jahre 1979 die amtliche Nachricht, daß er am 10. April 1945 im Osten gefallen sei. Diese Nachricht schmerzte doppelt, da er zwei Tage nach dem Waffenstillstand sein Leben lassen mußte.
In dieser direkten Nachkriegszeit hatte es meine Mutter nicht einfach. Hinterbliebenenenrente gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Die Währungsreform ließ eine harte Zeit erwarten, in der besonders die Besitzlosen gnadenlos getroffen wurden. Ich will hier keine Einzelheiten aufführen, die haben sich auch nicht alle meinem Gedächtnis eingeprägt. Ich glaube, wir können auch nicht nachempfinden, was meine Mutter in dieser Zeit durchgemacht haben muß. Ich weiß jedoch, daß sie alle Hindernisse hervorragend gemeistert hat.

Wenn in diesem kleinen Bericht hauptsächlich die Kriegstage in Sögel angesprochen werden sollen, so will ich noch ein Kapitel anschließen, daß nach meiner Meinung nicht fehlen darf. Es ist die Zeit der "Hamsterei" direkt nach dem Kriege. Unmittelbar nach der Kapitulation brach auch die Versorgung - vor allem in den großen Städten - so drastisch zusammen, daß die Stadtbevölkerung Hunger leiden mußte. In dieser Situation kam man auf die ausfallensten Gedanken, die dann auch zur Durchführung gelangten. Wenn in den Städten auch viele Häuser zerstört waren, so hatten die Geschädigten doch einige Habseligkeiten retten können. Mit diesen Sachen ging man aufs Land, um sie gegen Speck, Fleisch, Wurst usw. einzutauschen. Das war eine schlimme Zeit, in der viele Stadtbewohner tiefste Erniedrigungen erfahren haben. Sie wurden oftmals auch von den Bauern, die ja den Hunger nicht kannten, auf das Schändlichste ausgenutzt. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, so bin ich der Meinung, daß mancher Landbewohner gegenüber der damaligen "Hamsterei" noch etwas gut zu machen hätte. Doch auch diese Zeitepoche gehört der Vergangenheit an, die wir dann auch so belassen, wie sie sich gezeigt hat. In dieser kurzen Schilderung von den Kriegstagen in Sögel, wie ich sie erlebt habe, sind viele Tatsachen angeklungen, andere aber sind nicht erwähnt. Das mag sein. Es ist ja schon an anderer Stelle viel über jene verhängnisvolle Zeit geschrieben worden. Es lag mir auch nichts daran, über jene Tage Hintergrundforschung zutreiben, weshalb die Kriegshandlungen in Sögel so abgelaufen sind und nicht anders. Ich habe die Tatsachen niedergeschrieben, die mir als Kindheitserinnerungen im Gedächtnis haften geblieben sind. Da werden dann sicherlich einige Lücken entstanden sein, die von anderen besser geschlossen werden können. Es kam mir, wie schon gesagt, ja nicht auf den lückenlosen Bericht an, der vielleicht auch noch geschichtlich abgesichert ist. Dies sind meine Erinnerungen an jene schrecklichen Tage im April 1945, nicht mehr und nicht weniger.

Heinz Schmees
Schückingweg 3
Sögel


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