Rede

Rede: Bürgermeister Heiner Wellenbrock zur Ausstellungseröffnung in Sögel am 22. April 2005


Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Erlauben Sie mir zu Beginn dieser Ausstellung, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor 60 Jahren wohl zum ersten Mal in dieser Form mit eindrucksvollen Bildern und Doku-menten das Kriegsende in der Gemeinde und Samtgemeinde Sögel zeigt, einige wenige Fragen und Gedanken zur Einführung.

Diese Ausstellung steht bewusst unter dem Motto

"Gegen das Vergessen"

Gegen das Vergessen, was unsere Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges auch hier im gesprengten Sögel an Leid und Not erfahren hat, aber auch gegen das Vergessen, was andere vorher an Leid durch uns erfahren mussten.
Hier könnte der berühmte Ausspruch Churchills gelten:

"Wer Wind sät, wird Sturm ernten!"

Vielleicht erinnert sich mancher von uns an die unvergessene Rede des damaligen Bundes-präsidenten Richard von Weizsäcker im Jahre 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes.
Weizsäcker damals: "Wir dürfen den 8. Mai (offizielles Kriegsende) nicht vom 30. Januar 1933 trennen", und er fährt fort: "Hitler wollte die Herrschaft über Europa und zwar durch Krieg."
Das lässt sich belegen durch Aufzeichnungen geheimer Gespräche, die Hitler schon am 3. Februar 1933 - nur drei Tage nach seiner Machtergreifung - mit führenden Offizieren der Reichswehr geführt hat. Dort heißt es unter anderem: "Aufbau der Wehrmacht, Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und die rücksichtslose Germanisierung."

Die Älteren unter uns haben diesen vorgezeichneten Weg in den Krieg mitgehen müssen, ob sie wollten oder nicht, angefangen in der Hitlerjugend - eine gewalttätige herrische, uner-schrockene, grausame Jugend will ich - fortgesetzt im Reichsarbeitsdienst, in der SA oder in anderen NS-Organisationen, schließlich in der Wehrmacht.
"Und sie werden nicht mehr frei ihr Leben lang", Originalton Hitler.
Hitler hat Wort gehalten bis zum Ende, und wo dieser Weg endete, wissen wir.

Die Liste der Gefallenen der Samtgemeinde Sögel - und die vielen Namen unserer ermorde-ten jüdischen Mitbürger auf der Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof dokumentieren die-sen fürchterlichen Irrweg.
Und die vielen zum Teil außerordentlich eindrucksvollen Berichte in den Medien über die Befreiung der Konzentrationslager vor 60 Jahren, über die Zerstörung deutscher Städte und das Schicksal der Ausgebombten - hier in Sögel der Obdachlosen durch die Sprengungen -, über das Schicksal von Flüchtlingen und Vertriebenen öffnen uns allen - den Überlebenden und den später geborenen Generationen - einen Blick in unendliche Abgründe, in unbe-schreibliches Elend, Leid und Not.
Aber, so Weizsäcker in seiner Rede weiter, "Wir haben allen Grund, das Ende des Krieges als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Kern der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg."
Die eindrucksvollen Bilder von der Zerstörung Sögels 1945 und die Bilder von Sögel 2005
- aus der Gegenwart - bestätigen diese Aussage von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, gestatten Sie mir zum Abschluss einen Gedan-ken, ja einen Appell an unsere Jugendlichen, die hoffentlich in großer Zahl mit ihren Lehrern oder Gruppen diese Ausstellung besuchen als unseren kleinen Sögeler Beitrag zum großen Gedenkjahr vor 60 Jahren.

Auch hier greife ich den Schlussgedanken Richard von Weizsäckers auf. Gerade als Bot-schaft für die Zukunft:
"Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird... Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander."

Er könnte auch uns Sögeler damit gemeint haben.

Wenn diese Botschaft ankommt, dann ist das Ziel dieser Ausstellung "Gegen das Verges-sen" im neuen Rathaus der Samtgemeinde Sögel erreicht und die große Arbeit aller, die daran mitgewirkt haben, hat sich gelohnt.
Herzlichen Dank


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