Anlässlich der Gedenkfeier 60 Jahre Kriegsende hielt Oberbürgermeister Heiner Pott am 4. April 2005 im Theater an der Wilhelmshöhe folgende Rede:
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
am 2. September 1945 endete mit der Kapitulation Japans weltweit der 2. Weltkrieg. Deutschland hatte vier Monate vorher, am 8. Mai 1945, kapituliert. Lingen selbst wurde bereits am 4. April 1945, heute vor genau 60 Jahren, durch die britischen Truppen befreit. Mit der Befreiung von der Naziherrschaft endete das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Ein Drittel der Weltbevölkerung war an dem von Deutschland begonnenen Weltkrieg beteiligt. 110 Millionen Menschen standen unter Waffen.
Der Zweite Weltkrieg hat 60 Millionen Menschen das Leben gekostet, 25 Millionen Menschen allein in Rußland, 6 Millionen Menschen allein in Polen, 6 Millionen Juden wurden vernichtet, 4 Millionen Deutsche starben.
Eine Flüchtlingswelle ungeahnten Ausmaßes – nicht nur in Deutschland, sondern auch beispielsweise in Polen – setzte ein; allein in den früheren Ostgebieten verloren über 10 Millionen Menschen ihre Heimat. Wenn ich diese Zahlen nenne, dann können diese Zahlen natürlich nicht das Leid und das Elend ganzer Völker widerspiegeln. Sie verdeutlichen aber diese ungeheuere Dimension, die der Zweite Weltkrieg für die gesamte Weltbevölkerung bis heute hat.
Diese Dimension ist für mich nicht wirklich fassbar. Ihr gerecht werden zu wollen ist nur begrenzt möglich. Alle Gedenkfeiern der Welt reichen nicht aus, die wirkliche Dimension hinreichend zu würdigen. Allenfalls können wir das Kriegsende vor 60 Jahren in Beispielen, Skizzen und Fragmenten beleuchten und die Lehren benennen, die wir unweigerlich aus diesem Teil unserer Geschichte ziehen müssen. Wir wollen uns in dieser Gedenkfeier erinnern, an die Soldaten, die an den Kriegsschauplätzen in allen Ländern fielen. Wir wollen uns erinnern an die unschuldigen Zivilisten, die im Bombenhagel umkamen. Wir wollen uns erinnern an die Juden, an die Entrechteten, die Behinderten und politisch Verfolgten, die von den Nationalssozialisten missachtet, misshandelt und ermordet wurden. Wir erinnern uns ebenso an die Millionen, die während und nach dem Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden und die für immer ihre Heimat verloren haben.
Es ist wichtig, dass wir niemals vergessen und niemals in Vergessenheit geraten lassen, was damals geschah. Denn in alle Zukunft stehen wir, und damit jede Generation wieder neu, vor der Aufgabe, Vergleichbares nicht mehr geschehen zu lassen. Das Ende des 2. Weltkrieges ist für viele Völker ein bewegendes Ereignis. Jedes Volk hat dazu seine eigene Sichtweise, seine eigenen Gefühle und seine eigenen markanten Daten.
Sieg oder Niederlage? Befreiung oder neue Abhängigkeiten?
In Lingen endete der Krieg am 4. April, in Bielawa war es ein anderer Tag, in Burton, in Juskowzy oder in Elbeuf wieder ein anderer Tag. Immer aber ist es - damals wie heute - ein Tag voller Bilder, ein Tag stärkster Empfindungen: Tiefste Trauer und Betroffenheit; unsäglicher Schmerz, Ohnmacht und Verzweiflung finden sich ebenso wie das Gefühl von Befreiung, Erlösung und Hoffnung.
Wir alle, die wir uns mit dem Ende des 2. Weltkrieges auseinandersetzen, sind in ganz unterschiedlicher Weise berührt. Wir selbst oder unsere Familienangehörigen verbinden damit unterschiedlich Erinnerungen. Manche kehrten heim, andere wurden heimatlos.
Manche wurden befreit, für andere begannen Gefangenschaft und Zwangsarbeit.
Viele waren einfach nur dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davon gekommen waren. Hier und heute sitzt unter uns ganz sicher die Kriegerwitwe oder die Kriegswaise, der Kriegsteilnehmer, der Gefangene, der Vertriebene und der im Krieg Verfolgte.
Ihre Bilder und Empfindungen sind ganz andere als bei denen unter uns, die wir zur Nachkriegsgeneration gehören und vieles nur aus Erzählungen und Berichten erfahren haben.
- Zum Beispiel der Schüler, der gerade mit Bernhard Grünberg gesprochen hat - der erfahren hat, das Geschichte nicht nur in Geschichtsbüchern stattfindet, sondern ein Gesicht hat - der spürt, was es heißt, verfolgt zu werden und eine Familie zu verlieren; - die Kriegerwitwe, die ihre Söhne und ihren Mann im Krieg verloren hat und nie daran glauben konnte, dass dieser Tod sinnvoll, heldenhaft und unausweichlich gewesen sein soll; - die Familie, die aus ihrer ostdeutschen Heimat vertrieben wurde und auf der Flucht einige ihrer Kinder und die Großeltern verloren hat - und die mit buchstäblich nichts im Westen ankam; - der alte Herr, der als 18-jähriger zusammen mit seinen Freunden in den Krieg geschickt wurde und dann, nach vielen Jahren Kriegsgefangenschaft, mit starken körperlichen Gebrechen zurück in seine Heimat kam – ohne seine Freunde - und bis heute unter Alpträumen leidet; - Bernhard Grünberg, der seine Familie verlassen musste, sich als Jugendlicher allein in einem fremden Land wiederfand und von dort miterleben musste, wie seine Familie ermordet und fast sein ganzes Volk ausgerottet wurde; - Franz Ratuschko, der als Kriegsgefangener aus der Ukraine nach Deutschland verschlagen wurde und hier mit Tausenden seiner Landsleute als Zwangsarbeiter arbeiten musste – er selbst im ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerk hier in Lingen; Die Reihe dieser Beispiele ließe sich endlos fortsetzen. Sie macht deutlich, wie unterschiedlich die Erinnerungen sind, die jeder persönlich an den Krieg und das Kriegsende vor 60 Jahren hat.
Die Menschen haben das Ende des Krieges in ganz verschiedener Weise erlebt, und sie tragen auch in ganz unterschiedlicher Weise Verantwortung für das, was sich im Zweiten Weltkrieg ereignet hat.
Denn es gab natürlich nicht nur Opfer.
Es gab natürlich auch die Mitläufer.
Es gab die schweigende Mehrheit.
Es gab natürlich auch die Täter.
Und es gab beides: Täter und Opfer in einer Person und zur gleichen Zeit. Und auch das gab es - natürlich - in unserer Stadt. Viele, zu viele haben in Lingen geschwiegen.
Wenn auch Einzelne passiven Widerstand geleistet haben, so ist doch auch eine Tatsache, dass Lingener sich aktiv am Terror beteiligt, Zwangsarbeiter beschäftigt und Juden verfolgt haben.
Auch Lingener Familien haben gelitten. Auch Lingener Familien wurden zerrissen und sind zum Teil ausgelöscht worden. Wir wissen, wie einzigartig jeder einzelne in seiner Verantwortung und seinem persönlichen Schicksal berührt wird. Viele, die den 2. Weltkrieg erlebt haben, können das, was geschehen ist, bis heute nicht aushalten. Sie möchten die Gedanken an diese Zeit verdrängen.
Viele von denen, die den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt haben, können die Gedanken daran ebenfalls nicht aushalten. Sie wollen diese Zeit am liebsten ein für allemal als ein Kapitel im Geschichtsbuch abhaken. Aber Beides dürfen, wollen und werden wir nicht tun.
Wenn wir diesem Wunsch nachkommen würden, dann würden wir dem Vermächtnis der Opfer des Zweiten Weltkrieges nicht gerecht werden. Wenn diese Opfer überhaupt einen Sinn haben, dann doch nur den, dass sie uns verpflichten, Verant-wortung dafür zu übernehmen, dass alles das, was geschehen ist, sich niemals mehr wiederholen darf.
Bundespräsident Köhler hat es kürzlich sehr treffend formuliert. Er sagte: „Wir müssen sicherstellen, dass die Lehren von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, und wir alle müssen begreifen, dass uns die Opfer der Schoa unseren Auftrag geben: Nie wieder Völkermord zuzulassen. Dazu gehört, jederzeit und an jedem Ort für die Menschenrechte einzutreten, sich gegen die Feinde der Demokratie zu erheben, die Auseinandersetzungen mit dem Rechtsextremismus und den Antisemiten zu suchen. Dabei muss uns klar sein, dass dieses eine Aufgabe aller Menschen ist, gerade auch der jungen Menschen. Nur wenn wir sie erreichen, können wir auch das Fundament zum Erhalt unserer Demokratie legen. Deshalb müssen wir uns fragen, ob wir diese jungen Menschen wirklich erreichen, ob Lehrer, Eltern und gesellschaftliche Institutionen genug tun, um über den Irrweg des Nationalsozialismus aufzuklären. Wir haben die Verpflichtung sicherzustellen, dass das Wissen, die Erinnerung, die Geschehnisse wach gehalten werden. Dies ist eine der wichtigsten Aufgaben der demokratischen Gemeinschaft.“ – Ende des Zitats.
Teil dieser Erinnerung ist auch, auf die Rolle und die Haltung der westlichen Alliierten gegenüber dem besiegten Deutschland hinzuweisen. Aus dem Nichts heraus gab es für uns Deutsche die Chance zum Wiederaufbau und zu Wohlstand in demokratischen Strukturen.
Die notwendige Unterstützung und Hilfe dafür kam von den ehemaligen Gegnern.
Nicht Ausbeutung und Unterdrückung waren die Ziele dieser einstigen Gegner.
Versöhnung, Vergebung und die Handreichung zu neuen Staatenbündnissen und Freundschaften prägten bald nach dem Krieg die Beziehungen innerhalb des westlichen Europas und im transatlantischen Verhältnis.
Für Marienberg, Ostdeutschland und die ehemaligen Ostgebiete ist das anders zu beurteilen. Wir Deutsche sagen deshalb Dank und empfinden tiefe Dankbarkeit gegenüber unseren heutigen Verbündeten und Nachbarn, die lange schon unsere Freunde sind. Frieden, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und die Achtung der Menschenrechte – dies sind die Fundamente der heutigen demokratischen Gesellschaften in Europa.
Konrad Adenauer, Kurt Schuhmacher, Ludwig Erhard, Willy Brandt und Helmut Kohl stehen beispielhaft für die Entwicklung in der Bundesrepublik.
Wir Deutsche können heute auch stolz sein auf das nach dem 2. Weltkrieg Erreichte – allerdings ohne Selbstzufriedenheit. Denn Friede und Stabilität sind keine Güter, die sich einfach von selbst erhalten. Sie müssen vielmehr sorgsam gepflegt werden. Das erfordert Einsatz und Anstrengung, nicht nur auf nationaler Ebene, sondern eben auch auf kommunaler Ebene. Eine Möglichkeit dazu bieten unsere Städtepartnerschaften.
In den wechselseitigen Begegnungen unserer Vereine und Verbände und durch zahlreiche Schulpartnerschaften sind schon viele Freundschaften entstanden.
In diesen Begegnungen üben die jungen Menschen Toleranz und friedlichen Dialog. Sie lernen andere Kulturen kennen und sie legen Vorbehalte oder Vorurteile ab. Sie sehen, dass es bereichernd ist nach dem zu suchen, was uns mit anderen verbindet und eben nicht das zu betonen, was uns trennt.
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, dem Vermächtnis der Opfer des 2. Weltkrieges gerecht zu werden. Gedenkveranstaltungen wie diese gehören dazu. Aber ebenso wichtig und notwendig ist der Beitrag jedes einzelnen Menschen. Wir alle müssen dazu die Möglichkeiten ergreifen, die sich jedem von uns in seinem Alltag bieten. Dieses gilt für die, die den Krieg selbst erlebt haben, ebenso wie für die nachgeborenen Generationen. Jeder von uns ist dazu ganz persönlich aufgefordert."
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