Ems-Zeitung vom 10.04.1995

„Vater verbrannte vor dem Einmarsch Volkssturminsignien im Kellerofen"

Hedwig Horstmann erlebte als 19jährige Besetzung von Lathen am 9. April 1945

Von Hermann-Josef Mammes

Das Elternhaus von Hedwiq Horstmann (geborene Schlichter) steht auch heute noch in der Bahnhofstraße 37 (ehemals Hauptstraße) in Lathen. Als junge Frau mit 19 Jahren erlebte sie Anfang April 1945 von hier aus den Einzug der alliierten Truppen in ihr Heimatdorf Lathen:

„Vor meinem Elternhaus in Lathen war die B 70 nach Süden hin durch eine hohe hölzerne Panzersperre zugebaut. Am Sonntag nach Ostern (Weißer Sonntag), dem 8. April 1945, die Panzersperre war geschlossen, besuchte der Gauleiter Karl Röwer aus Oldenburg diese Sperre. „Durch diese Sperre wird kein Feind kommen!" rief er. Zur gleichen Zeit ging auf Sögel - 15 km östlich von Lathen - ein Bombenhagel nieder. Die Erschütterungen konnten wir hören.
Noch am Abend des 8. April wurde die Panzersperre geöffnet. Man sagte, eine Gruppe -angeblich deutsche Offiziere - habe die Räumung angeordnet. Später erzählte man, es seien Spione - eine Vorhut der feindlichen Truppen - gewesen.

Am 9. April in der Morgendämmerung sah ich von unserem Garten aus Panzerspähwagen auf die offene Panzersperre zufahren. Zunächst war alles ruhig. Später fielen Schüsse - wir flüchteten in unseren Keller. Panzer auf Panzer hörten wir vorbeirollen. Die Kettenfahrzeuge erschütterten das Haus. Ein Geknatter von Schußsalven war zu hören!

"In Todesangst saßen wir im sicheren Gewölbe"

In Todesangst saßen wir -meine Mutter, meine Schwester und ich - in unserem Gewölbekeller, der als einer der sichersten in Lathen galt. (Als die Lathener Emsbrücke gesprengt wurde, nahmen wir die gefährdeten Anwohner auf).

Fünf jüngere Geschwister von mir waren am Vortage zu Bekannten, die nicht so gefährdet wohnten, gebracht worden. Ein 15jähriger Bruder - noch Schüler - war einige Tage zuvor zu einer Wehrertüchtigungsübung einberufen worden. Wir wußten nicht, wo er war.

Wir alle, besonders unser Vater, hatten eine schlimme Nacht hinter uns. Unser Vater war Kompanieführer beim Volkssturm. Etwa zehn bis 20 Männer seiner Gruppe sollten Lathen verteidigen. Meine Eltern hatten unser Wohnzimmer ausgeräumt und Stroh ausgebreitet, so daß die Leute eine Lagerstätte hatten. Italienische Gewehre standen zum Kämpfen bereit, aber passende Munition gab es nicht dazu!

In der Nacht schleppte mein Vater alle Gewehre aus unserem Hause heraus und deponierte sie an der Straße. Voller Angst lief Vater stundenlang hin und her. „Was soll ich machen? Was soll ich machen?" Schließlich hat er seine Kameraden - alle Familienväter, die nicht mehr kriegstauglich waren nach Hause geschickt. Einige von ihnen haben sich versteckt, es sind auch welche in Gefangenschaft geraten.

Wir hatten große Angst, denn wir wußten, in Lathen war eine Gruppe von Strafgefangenen mit ihren Aufsehern postiert. Die Leute sollten auf die Volkssturmmänner schießen, wenn sie nicht kämpfen würden, in der Nacht war Vater auf einmal verschwunden. Später erfuhren wir, daß er sich zum Volkssturmbüro, in der Mitte des Dorfes gelegen, geschlichen hatte. Dort verbrannte er seine Volkssturminsignien im Kellerofen, und als die Fronttruppe Hausdurchsuchungen machten, gab er sich als Vater der Familie aus.

In unserem Keller bangten wir um unser Leben! Wir haben geweint und gebetet. Die Panzer rollten und rollten. Kanonendonner dröhnte! Dann hörten wir schwere Schritte über uns. Wir vernahmen Funksprüche: We are in Lathen ... we are in Lathen." Geräusche an unserer eisernen Kellertür! Mit auf uns gerichteter Pistole fragte der kanadische Soldat: Are here soldiers?" Wir haben die Arme hochgerissen - „no, no."

Später kam eine mutige junge Nachbarin zu uns in den Keller. (Sie hatte sich hinter einer Zinkwanne in ihrer Waschküche versteckt gehalten). „Was? Ihr seid noch im Keller? Habt ihr Angst? Die tun euch nichts, sind alles nette Kerle." Oben sah Mutter, wie ein Soldat gewaltsam die Schranktüren öffnen wollte. Sie sagte: „Here are the keys." „No, Thank you." Viele Kandier durchsuchten das Haus. „Schnaps" (Vielleicht wußten sie, daß jeder Haushalt ein Schnapskontingent bekommen hatte, unsere Ration war unter den Kartoffeln im Keller versteckt). Auch suchten sie "Hitler - mein Kampf" und andere Souvenirs.

Meine Mutter versteckte meine Schwester (20 Jahre) und mich (19 Jahre) im hintersten Raum des Hauses und versuchte, die betrunkenen Frontsoldaten abzulenken. Wir sahen vom Fenster aus, daß Hauser in der Nachbarschaft brannten. Unsere südliche Hausmauer war vielfach durchschossen. Möbel, Bilder und das Klavier waren durchlöchert. Die Gewehre, die vorm Haus standen, waren den Soldaten ein Rätsel. Sie durchsuchten das Haus immer wieder. Unsere Angst war unbeschreiblich! Wo war Papa - wo war Hans - wie ging es den anderen Geschwistern?

Nachmittags sahen wir, wie Vaters Volkssturmkamerad -ein ehemaliger Offizier - auf einem Panzerspähwagen durchs Dorf gefahren wurde. Viele Männer des Dorfes - ganz junge, ältere oder kranke -, andere gab es ja nicht, von Bewaffneten vorbeigetrieben wurden.
Man brachte uns auf eine große Weide am Dorfrand und bewachte sie. Die Straße vor unserem Haus hatte metertiefe Löcher. Panzer um Panzer drehte auf der Stelle, um m Richtung Sögel abzubiegen.

Als ich mich nachmittags die Suche nach meinen Geschwistern machte, kam ich an einem brennenden Stall mit aufgeblähten toten Kühen vor bei. Da versperrten mir bewaffnete Soldaten den Weg. Sie hätten den Befehl alle Personen auf der Straße zu erschießen. Schnell lief ich ihn Elternhaus zurück. Später haben wir uns noch einmal auf die Straße gewagt. Wir baten einen bewaffneten Soldaten, das Türschloß eines Nachbarhauses zu durchschießen. „No". Die Familie der, Hauses war mit ihren Kindern geflohen. Das Feuer drohte vom Nachbarhaus überzugreifen, und wir wollten für die Familie Hausrat und Kleidung retten.

Nach vielen bangen Stunden war unsere Familie wieder vereint. Vater hat sich in der Dämmerung durchs Dorf gewagt. Auf Schleichwegen erreichte er unseren Garten. Mein 15jähriger Bruder überlebte in Sögel den Einmarsch und fluchtete durchs Tinner Moor zu Fuß nach Lathen.


Nach vielen bangen Stunden war unsere Familie wieder vereint

Ein Bettuch mußte als weiße Kapitulationsfahne vorm Hause befestigt werden - Die Rucksacke die meine Mutter für jedes Kind mit Fluchtproviant und Wäsche gepackt hatte, wurden wieder ausgepackt. Zum Glück mußten wir nicht fliehen, die Familie wurde nicht auseinandergerissen, aber die Angst der letzten Kriegstage sitzt noch sehr tief.

Es dauerte lange bis es wieder einen geregelten Alltag gab. Zunächst bestand ein strenges Ausgehverbot für alle Deutschen. Später durften um Frauen morgens und nachmittags je eine Stunde au! die Straße. Die Männer, auch mein Vater, mußten auf der kaputten Straße Aufräumarbeiten leisten und Bäume - Linden -, die den Panzern im Wege standen, fällen.

Einige Wochen später hatte die Gemeindeverwaltung jeden Tag Leute zum Arbeiten in den ehemaligen Gefangenenlagern abzustellen. Wir hatten uns morgens an der Fähre bei der gesprengten Emsbrücke einzufinden, wurden übergesetzt und auf alliierten Lastwagen zum ehemaligen Kriegsgefangenenlager nach Oberlängen gebracht. Im Barackenlager mußten wir unter Bewachung im Garten, in der Küche oder Waschküche arbeiten."


(C) Internet AG Lathen e.V.

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